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                 Das Deutsche Programm

                                      

                        Gastbeitrag  von Ulug, 28.12.2016

 

 

 Diese einsamen Kinder der Gleichnisinsel sammelten

     sich schließlich und vereinigten sich im Spiel. Sie gruben

      tiefer als die anderen, aber sie bauten weniger sicher; sie

           schwammen schneller, aber nicht soweit; sie bauten größere

          Boote, die aber leichter kenterten; darüber wurden sie böse

     und schufen Unruhen und Aufruhr; sie konnten sich den

           Spielregeln nicht unterwerfen, und sie wollten es auch nicht.

Aber sie wußten etwas, das die anderen nicht wußten:

etwas vom Wesen der See.

 

 

Das deutsche Programm  I

 

 

Die Deutsche Frage

Viele von uns wissen nicht einmal, daß sie existiert. Doch die, die es wissen, formulieren  ganz tatkräftig: What to do with Germany?   Das heißt, die „deutsche Frage“ ist uns Deutschen im Allgemeinen weder geläufig noch bewusst. Umso mehr kennt sie das nahe und ferne Ausland in der  Form von Misstrauen,  Angst, Abwehr, Verwunderung, aber selten, wenn überhaupt Bewunderung. Dieses Reaktionsspektrum lässt sich zu einer einzigen Frage zusammenfalten:

Wer sind wir eigentlich?

Spätesten 2015 wurde die deutsche Frage Gegenstand der politischen Debatte, denn sie hatte es bis in den Bundestag geschafft. Aktualisiert und ausgelöst wurde  sie von dem Denkstrategen George Friedman in seiner Rede auf der Veranstaltung des amerikanischen Think-Tank „Chicago Council on global Affairs“ im Februar 2015. Der Direktor der Denkfabrik Stratfor rückte in Zusammenhang mit dem Ukraine Konflikt die deutsche Frage wieder in den Fokus der US- Amerikanischen Außenpolitik. Hier  zwei Zitate aus seiner längeren Rede, die übrigens sehr aufschlussreich ist und den mentalen Zustand, in dem sich das amerikanische Establishment derzeit befindet, gut beschreibt.

 

„Für die Vereinigten Staaten ist das Hauptziel, dass ... deutsches Kapital und deutsche Technologie, und die russischen Rohstoff – Ressourcen und die russische Arbeitskraft sich zu einer einzigartigen Kombination verbinden, was die USA seit einem Jahrhundert zu verhindern versuchen. Also wie kann man das erreichen, um diese (deutsch – russische) Kombination zu verhindern? Die USA sind bereit mit ihrer Karte diese Kombination zu schlagen.“

 

„Nun, wer mir eine Antwort darauf geben kann, was die Deutschen in dieser Situation tun werden, der kann mir sagen, wie die nächsten 20 Jahre Geschichte aussehen werden. Aber unglücklicher Weise müssen die Deutschen immer wieder eine Entscheidung treffen. Und das ist das ewige Problem Deutschlands. Deutschland ist wirtschaftlich enorm mächtig, aber gleichzeitig geopolitisch sehr zerbrechlich, und sie wissen niemals, wie und wo sie ihre Exporte verkaufen können.  Seit 1871 -  war das immer `Die Deutsche Frage´. Und  die Frage Europas.  Denken sie über die `Deutsche Frage´ nach, welche jetzt wieder mal aufkommt. Das ist die nächste Frage, die wir stellen müssen, was wir aber nicht tun, weil wir nicht wissen, was die Deutschen tun werden.“

 

 

Das deutsche Programm

Doch die deutsche Frage besteht nicht nur aus dem, was wir Wirtschaft, Technik, Macht und Politik nennen. Sie wurzelt im  Tiefenbereich unserer Kultur, ja sie existiert nicht einmal ursprünglich,  sondern nur als Abwehrreflex, auf das, was ihr zugrunde liegt; ich nenne diese Tiefenschicht das „deutsche Programm“.  Seine Existenz lässt sich allerdings nur indirekt aufzeigen. Aber die deutsche Geschichte von mehr als tausend Jahren liefert genügend Hinweise darüber, was sich aus unserer Mitte immer wieder herausarbeiten und Gestalt geben möchte. Tausend Jahre Kampf und Auseinandersetzung, Sieg und Niederlage - am Ende steht doch ein geschundener, zerstückeltet Körper, entblößt und einer Karikatur gleich; aber am Leben.

Die heutige Situation ist nichts anderes als die rhythmische Wiederkehr alter Zustände:

Das Interregnum des Mittelalters, die Reformation und der 30 jährige Krieg, der napoleonische Krieg, der erste  und zweite Weltkrieg. Was wir Vergangenheit nennen, ist in Wahrheit fruchtbarer Boden, fruchtbar, aber auch kontaminiert. Die nachhaltigste Vergiftung ist unsere beinahe schon  metaphysisch zu nennende Gespaltenheit.

 

Alle Bemühungen des deutschen Geistes zielten darauf, diese Spaltung zu überwinden, zielten auf die Konzeption einer Ganzheit die vor aller Teilung und Teile ist. Man nennt sie das Absolute, die totale Synthese, Gott, Schönheit, Identität.

 

Doch wo finden wir in unserer Geschichte  ein Zentrum, den Dreh oder Angelpunkt, an dem wir ansetzten können, um gerade heute unsere Ideen und Kräfte zu mobilisieren, übertragen und reichhaltig zu entfalten? Ist es das Mittelalter, die Neuzeit, oder die sogenannte Postmoderne? Betrachten wir die Geschichte als einen horizontalen Prozess, so liegen die verschiedenen Höhepunkte raum- zeitlich auseinander. Mit einem Blick von oben  jedoch verschmelzen sie zu einem Ereignis, zu einer Lebensachse, zum Quellpunkt einer zeitlosen aber pulsierenden  Gegenwart.

 

Dieses Ausnahmeereignis  deutscher   Geschichte sehe ich um die Wende des 18. zum 19. Jahrhunderts in der Gestalt des deutschen Idealismus gegeben. Hier laufen alle vergangenen und zukünftigen Ereignisse zusammen. Hier befindet sich  unser Mittel-Alter, unser geistiges Lebenszentrum, das Herzstück unseres gemeinsamen Geschicks. Der deutsche Idealismus ist die erste großartige Synthese unserer Schaffenskraft. Hier nimmt das deutsche Programm Gestalt an und entfaltet seine  offensive Wirkkraft  über  mindestens zwei Generationen. Diese idealtypische Synthese umspannt und berührt alle geistigen, kulturellen und materiellen Mächte, Erscheinungen und Kräfte. Hier schlägt unser Herz, entfaltet sich unsere Kreativität und gemeinsames Tun.

 

Der deutsche Idealismus

Mit dem Aufkommen des deutschen Idealismus setzte auch eine Gegenbewegung ein, eine Reaktion, die schon einen viel längeren Vorlauf hatte und im 30 jährigen Krieg offen zutage trat. Der Kampf um die europäische Mitte wurde hier ausgefochten und zu Ungunsten der Deutschen entschieden. Die deutsche Frage war also schon lange im Gespräch, besonders bei Engländern und Franzosen. Der Inhalt dieser Debatte wurde in Frankreich  von dem Kardinal Richelieu bestimmt und festgelegt. In  Frankreich wird es das Testament Richelieu genannt.

F. Grimm schrieb im Vorwort des Buchs von J. Bainville (Französischer Historiker): die Geschichte zweier Völker“, das 1905 erschienen ist und unbedingt zur Lektüre empfohlen, folgendes:

„Im französischen Volk wird dies auch das `Testament Richelieu´ genannt“. Diese Meinung geht davon aus, dass Richelieu, der Kardinal und große Staatskanzler Ludwigs des XIII., der mehr als zwei Jahrhunderte vor Bismarcks Reichsgründung die französische Einheit verwirklichte, seinen Nachfolger eine Testament hinterlassen habe, das wie ein ewiges Gesetz die Politik Frankreichs bestimmen müsse: Immer in Deutschland zu intervenieren, die deutsche Zwietracht auszunutzen und `unter der Hand alle Angelegenheiten Deutschlands in den größtmöglichen Schwierigkeiten zu halten´, mit dem Ziel, `den germanischen Block´, d.h. die deutsche Einheit zu verhindern.“ (Ebenda, s. 5f)

Disraeli, englischer Ministerpräsident von 1874 bis 1881, schrieb über die Gründung des Deutschen Reichs:

„Die deutsche Reichsgründung ist ein größeres politisches Ereignis als die Französische Revolution. Die Folgen sind kaum vorhersehbar, und neue unbekannte Ziele und Gefahren drohen... Die Balance of Power ist gänzlich zerstört, und England ist das Land, das am meisten leiden wird.“  

Papst Pius der XIII sprach 1874 vor einer Pilgerversammlung folgende hysterischen aber auch programmatische Worte:

„Bismarck ist die Schlange der Menschheit. Durch diese Schlange wird das deutsche Volk verführt, mehr sein zu  wollen als Gott selbst, und dieser Selbsterhöhung wird eine Erniedrigung folgen, wie noch kein Volk sie hat kosten müssen. Nicht wir – nur der Ewige weiß, ob nicht das Sandkorn aus den Bergen der ewigen Vergeltung sich schon gelöst hat,  das - im Niedergang zum Bergsturz wachsend – in einigen Jahren an die tönernen Füße dieses Reiches anrennen und es in Trümmer verwandeln wird; dieses Reich, das wie der Turmbau zu Babel Gott zum Trotz errichtet wurde und das zur Verherrlichung Gottes vergehen wird.“

(A. Mitterer, aus DGG- 3/2016, 19)

Es lassen sich beliebig viele ausländische Textstellen finden, die die Deutschen als Bedrohung anderer Völker beschreiben, als ein Problem, das man schnellstens und gründlich beheben sollte.

Mir geht es nicht darum ein Feindbild zu schaffen, aber darum, unser Gefahrenbewusstsein zu wecken, um dem Idealismus der Mitteleuropäer einen Realismus zur Seite zu stellen. In Bismarck finden wir beids vereinigt, ebenso bei Freiherr vom Stein, Körner, Arndt und anderen.

Aus dieser agonalen Wahrnehmung erwächst uns  größere Wachheit, Schärfe, Kraft, Einsicht und Wissen, die bestens geeignet sind, das innere idealistische Potential entfalten zu helfen.

 

Ein seltsames Fragment

1917 veröffentlichte Franz Rosenzweig aus dem Nachlass des Hegelschülers Friedrich Förster  ein zweiseitiges Manuskript, das auf Grund der Handschrift von Hegel stammen musste. Dieses Schriftstück erwarb die königliche Bibliothek Berlin schon einige Jahre vorher um 1913 bei einer Auktion. Nach 1945 galt das Manuskript als verschollen (bis dahin existierten nur Fotokopien) und wurde erst Ende der siebziger Jahre in einer Bibliothek in Krakau wiederentdeckt.

 

Der Textkörper trägt keine Überschrift und fängt mit einem unvollständigen Satz an, d.h. ihm fehlen einige vorausgehende Passagen. Er hat auch keine Unterschrift. Der oder die Urheber bleiben bis heute im Dunkeln.

Rosenzweig gibt diesem Text eine überaus treffende Überschrift:  „Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus.“  Er datierte ihn um die Jahre 1796, 1797.

 

      DAS ÄLTESTE SYSTEMPROGRAMM DES DEUTSCHEN IDEALISMUS

Eine Ethik. Da die ganze Metaphysik künftig in die Moral fällt – wovon Kant mit seinen beiden praktischen Postulaten nur ein Beispiel gegeben, nichts erschöpft hat -, so wird diese Ethik nichts anderes als ein vollständiges System aller Ideen oder, was dasselbe ist, aller praktischen Postulate sein. Die erste Idee ist natürlich die Vorstellung von mir selbst als einem absolut freien Wesen. Mit dem freien, selbstbewußten Wesen tritt zugleich eine ganze Welt - aus dem Nichts hervor - die einzig wahre und gedenkbare Schöpfung aus Nichts.

 - Hier werde ich auf die Felder der Physik herabsteigen; die Frage ist diese: Wie muß eine Welt für ein moralisches Wesen beschaffen sein? Ich möchte unserer langsamen, an Experimenten mühsam schreitenden Physik einmal wieder Flügel geben. So, wenn die Philosophie die Ideen, die Erfahrung die Data angibt, können wir endlich die Physik im Großen bekommen, die ich von späteren Zeitaltern erwarte. Es scheint nicht, daß die jetzige Physik einen  schöpferischen Geist, wie der unsrige ist oder sein soll, befriedigen könne.

Von der Natur komme ich aufs Menschenwerk. Die Idee der Menschheit voran, will ich zeigen, daß es keine Idee vom Staat gibt, weil der Staat etwas Mechanisches ist, so wenig als es eine Idee von einer Maschine gibt. Nur was Gegenstand der Freiheit ist, heißt Idee. Wir müssen also über den Staat hinaus! - Denn jeder Staat muß freie Menschen als mechanisches Räderwerk behandeln; und das soll er nicht; also soll er aufhören. Ihr seht von selbst, daß hier alle die Ideen vom ewigen Frieden usw. nur untergeordnete Ideen einer höheren Idee sind. Zugleich will ich hier die Prinzipien für eine Geschichte der Menschheit niederlegen und das ganze elende Menschenwerk von Staat, Verfassung, Regierung, Gesetzgebung bis auf die Haut entblößen.

Endlich kommen die Ideen von einer moralischen Welt, Gottheit, Unsterblichkeit, - Umsturz alles Afterglaubens, Verfolgung des Priestertums, das neuerdings Vernunft heuchelt, durch die Vernunft selbst. - Absolute Freiheit aller Geister, die die intellektuelle Welt in sich tragen und weder Gott noch Unsterblichkeit außer sich suchen dürfen.

Zuletzt die Idee, die alle vereinigt, die Idee der Schönheit, das Wort in höherem platonischen Sinne genommen. Ich bin nun überzeugt, daß der höchste Akt der Vernunft, der, in dem sie alle Ideen umfaßt, ein ästhetischer Akt ist und daß Wahrheit und Güte nur in der Schönheit verschwistert sind. Der Philosoph muß ebensoviel ästhetische Kraft besitzen als der Dichter. Die Menschen ohne ästhetischen Sinn sind unsere Buchstabenphilosophen.

Die Philosophie des Geistes ist eine ästhetische Philosophie. Man kann in nichts geistreich sein, selbst über Geschichte kann man nicht geistreich raisonieren - ohne ästhetischen Sinn. Hier soll offenbar werden, woran es eigentlich den Menschen fehlt, die keine Ideen verstehen - und treuherzig genug gestehen, daß ihnen alles dunkel ist, sobald es über Tabellen und Register hinausgeht.

Die Poesie bekommt dadurch eine höhere Würde, sie wird am Ende wieder, was sie am Anfang war - Lehrerin der Menschheit; denn es gibt keine Philosophie, keine Geschichte mehr, die Dichtkunst allein wird alle übrigen Wissenschaften und Künste überleben.

Zu gleicher Zeit hören wir so oft, der große Haufen müsse eine sinnliche Religion haben. Nicht nur der große Haufen, auch der Philosoph bedarf ihrer. Monotheismus der Vernunft und des Herzens, Polytheismus der Einbildungskraft und der Kunst, dies ist’s, was wir bedürfen. Zuerst werde ich hier von einer Idee sprechen, die, soviel ich weiß, noch in keines Menschen Sinn gekommen ist - wir müssen eine neue Mythologie haben, diese Mythologie aber muß im Dienste der Ideen stehen, sie muß eine Mythologie der Vernunft werden.

Ehe wir die Ideen ästhetisch, d. h. mythologisch machen, haben sie für das Volk kein Interesse; und umgekehrt, ehe die Mythologie vernünftig ist, muß sich der Philosoph ihrer schämen. So müssen endlich Aufgeklärte und Unaufgeklärte sich die Hand reichen, die Mythologie muß philosophisch werden und das Volk vernünftig, und die Philosophie muß mythologisch werden, um die Philosophen sinnlich zu machen. Dann herrscht ewige Einheit unter uns. Nimmer der verachtende Blick, nimmer das blinde Zittern des Volks vor seinen Weisen und Priestern. Dann erst erwartet uns gleiche Ausbildung aller Kräfte, des Einzelnen sowohl als aller Individuen. Keine Kraft wird mehr unterdrückt werden. Dann herrscht allgemeine Freiheit und Gleichheit der Geister!

Ein höherer Geist, vom Himmel gesandt, muß diese neue Religion unter uns stiften, sie wird das letzte größte Werk der Menschheit sein.

In vieler Hinsicht ist es ein erstaunliches Fragment; eher die Skizze eines künftigen Werkprogramms mit dem Ziel, eine neue, andere Kultur zu schaffen und zwar nicht unter Bruch alles bisher Erreichten und Errungenen, wie es die französische Revolution beabsichtigte, sondern als lebendige Synthese der religiösen, kulturellen und volkstümlichen Kräfte. Diese Synthese oder große Einheit ist mit diesem Programm erstmals artikuliert worden und sanktioniert sie als Quell- und Ausgangspunkt  einer neuen historischen Entwicklung. Das „älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus“ erweist sich somit als eine Art Gründungsurkunde einer neuen Denk-, Lebens- und Gemeinschaftsform, die sich aus der Mitte Europas bis heute zu entfalten versucht.

Dieses Programm, ohne Namen, Datum, Überschrift mitten hinein in das Leben geschoben, erfüllt   selbst die Anforderung eines Mythos, von dem zu gründen es spricht. Wer ist oder sind die Verfasser? Ist es Hegel, Schelling, Hölderlin oder gar Schiller?  Je nach Neigung des Gelehrten wird der eine oder der andere bevorzugt. War es ein Gemeinschaftsprodukt? Wie immer man  sich entscheidet, es stärkt seine mythische Position. Und weil wir nicht genau wissen, wer im Einzelnen der Autor ist, spricht genau aus diesem Grund der Geist des Idealismus im Allgemeinen zu uns.

Es werden drei grundlegende Ideen beschrieben:

1.) Die Vorstellung von mir selbst als einem absolut freien Wesen. Mit diesem tritt eine ganze Welt hervor und zwar als eine Schöpfung aus dem Nichts. Dieser Punkt ist nur angedeutet, aber ist der wichtigste und kann auch als Schlußstein des deutschen Idealismus gelten. Es ist das uralte Postulat des Ich bin. Fichte und Schelling sind hier m. E. am weitesten vorgedrungen und haben versucht, seine Tür so lange wie möglich offen zu halten.

2.) In welcher Beziehung tritt der Mensch zur Natur und zwar als ein durch sich selbst erkanntes, selbst bestimmendes, freies Wesen? Die Fragen, die ein freier Mensch an eine freie Natur stellt, sind sicherlich völlig andere und anders als die Fragen heutiger Wissenschaftler. Naturwissenschaft muss unter völlig anderen Prämissen vollzogen werden. Der Grundsatz von Bacon: Natura constricta et vexata - die gefesselte, gezwungene sozusagen unter Druck gesetzte Natur gibt nur unter dieser Bedingung  ihre Geheimnisse preis, muss in Zukunft der uralten aber lebendigen Voraussetzung der Unio mystica weichen. Doch das Bacon Projekt hat sich weltweit vollständig durchgesetzt und dabei  sich selbst, Mensch und Welt erschöpft.

Die Unio mystica etabliert u.a. die Einsicht in und die lebendige Einheit des Menschen mit der Natur. Die so gewonnenen Erkenntnisse, Kräfte und Fertigkeiten sind grundsätzlich andere. Die Baconsche Methode dagegen behandelt die Natur wie einen Pawlovschen  Hund. Was bei einer so gequälten und gezwungenen Natur zum Vorschein kommt sind keine echten Naturphänomene (das, was aus freien Stücken erscheint), sondern Symptome ihrer  Abwehr und Verdrängung. So gesehen erweist sich die moderne Wissenschaft als reine Pathologie, als eine Logik des Zwangs und Manipulation  zur Erzeugung  und Konsumtion  künstlicher Symptom – Produkte.

Der „Vorteil“ dieser Methode besteht darin, den Erfahrungs- und Manifestationszyklus rasant abzukürzen und einzuschränken, Kontrolle und Macht immer weiter auszudehnen.

Das „System“ der Unio mystica arbeitet auf einer anderen Basis und Zeitebene - mit den Prinzipien der Freiheit, Ganzheit, der vollständigen Balance und Harmonie und der Partizipation. Letzteres bedeutet u. a., dass wir nicht mehr erkennen können als wir in uns an Sein und Einsicht realisiert haben. Das heißt nichts anderes, als dass mein Reifegrad den Gegenstand der Erkenntnis bestimmt. Das ist auch die Position des Alchimisten, ebenso der Naturmedizin u.a.m., um Erkenntnisse und Kräfte zu erwerben bzw. an ihnen teilzunehmen. Materie, Raum, Zeit und Energie werden anders wahrgenommen und erlebt  - analog dazu gestaltet sich die Beziehung des Menschen zur Natur; aber nicht nur zur dieser sondern auch zu seinen Mitmenschen.

3.) Damit komme ich zur dritten Grundidee: Wie muß eine Gesellschaft beschaffen sein?                                 

Der Staat gilt in dieser Schrift als ein Machwerk, als eine Maschine, die die freien Menschen als ein Räderwerk behandelt. Es muss also eine Gesellschaftsform geben, die ohne den Staat auskommt. Eine Gesellschaft ohne Staat, ist das möglich? Blickt man auf die Nationen, so sieht man überall die Zentralmacht des Staates mit zunehmender Tendenz zur  Zentralisation. Hier sei auf die Schrift: „Naturlehre des Staates“ von Constantin  Frantz verwiesen, der der Zentralgewalt eine Abfuhr erteilt zugunsten einer natürlichen Föderation von Gemeinden, Korporationen, Provinzen - also eines organisch von unten nach oben gewachsenes Gebildes der Vielfalt, Freiheit und Selbständigkeit. Im heiligen römischen Reich des Mittelalters wurde diese Idee schon verwirklicht. C. Frantz schreibt:

Dieses Reich „ …war ihr politischer Mittelpunkt, worin sich alle Elemente der damaligen weltlichen Ordnung in reichster Fülle und freiester Gestaltung zusammenfanden, und um welches sich die übrigen Länder gruppierten, dem Reiche selbst aber mehr oder weniger ähnlich, so dass der Staat nach heutigen  Begriffen kaum irgendwo zu finden war. Über dem Ganzen stand aber die kirchliche Einheit.“ (ebenda, 77)

Allerdings, diese religiöse Einheit fehlt heute wie zur Zeit des 18./19. Jh. Darum wird explizit der Schaffung eines Mythos gedacht, der die höchste, ästhetische Idee des Schönen als Synthese von allem für jeden sinnlich erlebbar machen soll. Dass das nicht ausreicht, zeigen die letzten Worte des Manuskript:  Ein höherer Geist, vom Himmel gesandt, muß diese neue Religion unter uns stiften, sie wird das letzte größte Werk der Menschheit sein.

Doch der spirituelle Impetus einer konkreten kosmischen Kraft fehlt bis heute dem deutschen Idealismus, die er benötigt, um sein Programm neu aufnehmen und weiter entfalten zu können.   Bei einer später zu unternehmenden Besprechung des Hegelschen, Fichteschen und des Schellingschen Systems wird versucht die Notwendigkeit der Existenz einer  solchen Kraft aufzuzeigen, und wie das Wissen um diese, das idealistische Programm neu beleben könnte.

Der innere Bereich des deutschen Idealismus wird hauptsächlich von den Philosophen Fichte, Schelling, Hegel eingenommen. Aber darüber hinaus beeinflusst er den einzelnen und die Gesellschaft im Ganzen. M. Kirn schreibt dazu: „Denn die fundamentale Kulturwirksamkeit, welche in der Epoche  des Deutschen Idealismus auf die gesamten Lebensverhältnisse der Gesellschaft, nicht nur auf die preußische Reformpolitik, sondern bis in die Lebensverfassung des einzelnen Menschen ausgestrahlt hatte, hörte nach dem Tod Hegels und Goethes auf, und damit veränderte sich das spezifische Gewicht des Geisteslebens in der Gesellschaft überhaupt.“  Und etwas weiter:

„Eben das geschah in dem seit 1840 offensichtlichen, allen Wissenschaften, aber auch die gesellschaftliche und politische Praxis ergreifenden Umschwung zu materialistischen und technokratischen Verhaltensweisen, also in einer Tendenzwende im gesellschaftlichen Ganzen, welche den Stellenwert des geistig – kulturellen Lebens in diesem herabsetzte.“ (M. Kirn, Hegels Phänomenologie des Geistes.., 39)

N. Hartmann bemerkt: „Die Reihe der philosophischen Denker, die wir die `deutschen Idealisten´ nennen, die einzigartige Hochflut sich drängender und überbietender Systeme und die unübersehbar reiche Verkettung literarischer Kontroversen, deren Gesamtheit der Nachwelt als das Zeitalter des `deutschen Idealismus´ vorschwebt, ist eine geistige Bewegung, der an Konzentration und spekulativer Höhe kaum eine andere der Geschichte an die Seite zu stellen ist.“ (N. Hartmann, die Philosophie des deutschen Idealismus“, Einleitung, S.1)

Dieser großartige Kulturentwurf, der eben nicht nur eine Angelegenheit weniger Köpfe war , sondern ein Schöpfungsakt, der vom Volk selbst auszugehen schien oder zumindest in das Volk hineinzuwachsen bestimmt war, war trotz aller Kontroversen ein Gemeinschaftswerk, eine Synthese, die zugleich die individuellste Schöpfung jedes einzelnen ermöglichte. Der deutsche Idealismus ist kein Massenprodukt, dringt aber tief in die „Masse“ hinein. Wir können uns vorstellen, dass es eine Absprache dieser schöpferischen Kräfte gab, sich in einem bestimmten Zeitraum zu treffen, um das idealistische Projekt in all seinen Facetten zu schaffen oder zumindest seine Fundamente zu legen. An diesem Programm waren nicht nur die Dichter, Denker, Wissenschaftler, Politik und Wirtschaft beteiligt, auch die Werktätigen, die mit den Händen arbeitenden und schaffenden Leute. Handwerk und Bauerntum haben eine lange Tradition im deutschen Kulturleben. Und wie der gotische Dom das Werk vieler war, wo der Priester sich ebenso vor den Karren spannte wie der einfache Landmann, so ist der deutsche Idealismus das Ergebnis eines gemeinschaftlichen Impulses, eine geistige Kathedrale, ein Gotteshaus ganz eigener Art  zu schaffen: ein Laboratorium für die kosmische Form- und Lebenskraft und für ein neues Menschenbild. Dazu mussten Naturwissenschaft, Philosophie, Dichtung, Mystik und Religion miteinander neu kombiniert und verschmolzen werden. Eine Jahrhundert-, nein, Jahrtausendaufgabe. Deswegen dieser Drang, Systeme zu gründen, alles miteinander in Zusammenhang zu bringen, Bausteine, Fundament, Strukturen zu schaffen und bereitzustellen, Gerüste aufzustellen, zugleich aber auch Kraft und Dynamik zu entfalten. Denn hier soll nicht die Mechanik bauen, sondern Geist und das Leben selbst. Doch Mitte des 19. Jh. kam der große Umbruch. Mechanik, Wirtschaft, Fabrik, rauchende Schlote, Geld-, und Kreditwesen, soziale Unruhen,  - also auf den kreativ idealistischen Impuls erfolgte eine vehemente materielle, technologische Reaktion. Und man muss sich fragen, ob hier nicht ein tieferer Zusammenhang besteht als nur das Ende eines natürlichen Schöpfungsprozesses?

Ludwig Curtius ist der Auffassung, dass der deutsche Idealismus eng verbunden ist mit dem Entstehen eines neuen Menschenbildes. Er schreibt in seinem biographischen Buch  „Deutsche und antike Welt“:

„Die nur Deutschland eigene Entwicklung des zweiten Humanismus und des mit ihm nicht identischen, aber eng verbundenen  deutschen Idealismus von Winkelmann und Lessing zu Wieland, Herder, Schiller und Goethe, zu Heinrich von Kleist, Jean Paul und Hölderlin, zu Fichte, Hegel und Schelling ist nur verständlich aus den geschichtlichen Bedingungen nach jenem ersten, in seiner Entfaltung gebrochenen Humanismus. Das von den neuen Humanisten ersehnte `reine Menschentum´, das auch Mozart und Beethoven vorschwebte, war nicht etwa nur  blasse abstrakte Theorie, sondern es war eine an jeden einzelnen gerichtete moralische Forderung der Neugestaltung des persönlichen Lebens.“

 

Das Wesen des deutschen Geistes

Eine tiefe und zusammenhängende Darstellung und Einsicht in das Wesen des deutschen Geistes und seiner Eigenart verdanken wir dem Italiener, Professor der Germanistik, Mario Pensa. 1948 verfasste er sein Buch: „Das deutsche Denken“. Er unternimmt den Versuch, die Formprinzipien des deutschen Denkens, Dichtens und Philosophierens von Albert Magnus bis Nietzsche herauszuarbeiten und in komprimierter Form darzustellen, um die Triebkräfte der deutschen Kultur aufzudecken. Diese seien dem Europäern aber mehr noch dem Deutschen selbst oft unbekannt.

Das verblüffende Fazit seines vierhundertseitigen Ritts durch die deutschen Ideengeschichte ist, dass die deutsche Philosophie   „eine andere Daseinszone des Ichs (eröffnet), die hinter der Auffassung der rationalen Philosophie ideell weit zurückliegt, und zwar eine unterirdische Zone, einen Wesenszustand, in welchem sich die Mühsal der Ich Geburt vollzieht; es ist das Urgebiet der Wurzeln und der Formgebung, in welchem noch alles ein unbestimmtes Etwas ist. Die deutsche Philosophie enthüllt, dass so lange das Ich sich in diesem Stadium befindet, es nicht vom Denken beherrscht sein kann, sondern von einer anderen Hauptkraft völlig absorbiert wird, welche sein Wille zur Geburt, sein Formungswille ist, nämlich der ethische Wille, in dem sich alle anderen Fähigkeiten verlieren. Dieses Ich befindet sich noch im Zustand der Entwicklung, es lebt nicht im Raum zwischen der Erde und dem Himmel, sondern noch im unterirdischen Raum zwischen Erde und dem Chaos. Die deutsche Spekulation deckt so ein anderes Lebensfeld des Ichs auf, welche bisher unausgebeutet geblieben ist, nämlich den transzendentalen Wirkungskreis.“

Das ist eine sehr  komprimierte aber herrlich einseitige Bestimmung des deutschen Geisteslebens. Ja sie ist nicht nur einseitig, sondern selbst ein irrationaler Reflex auf ihr Wesen. Ein Reflex, der den Autor jedoch zur messerscharfen und durchsichtigen Reflexion bringt, als  Sonde, die er tief in unser Gemüt einzuführen weiß. Das ist nur möglich, weil er selbst einem anderen Lebenskreis angehört und diesem verpflichtet ist, aber zugleich zur Empathie für unsere  Kultur fähig ist. Sein Buch dient mir heute noch als Leitfaden zum Verständnis der deutschen Geistesgeschichte aber auch zur Kritik an der einseitig vitalistischen Einordnung unseres Kulturschaffens.

Pensa kommt also zum Schluss, dass der Transzendentalismus das durchgehende Element und Prinzip nicht nur der Philosophie, sondern auch anderer Teile der deutsche Kultur, wie der Kunst, Literatur, Musik, ist, von der Mystik des Mittelalters bis zum 20 Jh.  

„Der  Transzendentalismus bietet sich also auf deutschem Boden wie ein lebendiges, fortgesetztes und zusammenhängendes Ganzes dar. Eben deshalb, muss er als typisch deutsch betrachtet werden.“

Das „deutsche Ich“, das „transzendentale Ich“ ist für den Autor (Pensa) ein Stadium des Bewusstseins, wo Geist und Natur noch  in einer unbestimmten unterschiedslosen Einheit verschmolzen sind (403). Den Transzendentalismus auf diese Stufe zu beschränken, ist natürlich falsch; gleichwohl existiert dieser Bereich und  ist Thema der Philosophie und Mystik genauso wie ihr entgegengesetztes Bestreben, die Zone zwischen Erde und Himmel, aber jenseits der  rationale Denktradition von Aristoteles bis Descartes, zu erforschen. Beide Teile verschränken sich  für mich zum deutschen Idealismus. Er ist immanent und transzendental, prälogisch und translogisch zugleich. Dennoch ist er auch rational. Das zeigt sich in der Bemühung von Fichte, Schelling und Hegel, die Philosophie  zu einer Wissenschaft zu machen. In meinen Augen ein problematisches, aber vielleicht auch deswegen ein programmatisches Unternehmen. Der letzte große Philosoph M. Heidegger hat sich auch m.E.  gegen diese Entwicklung gestellt. Wir haben es also mit drei Teilen – den prälogischenrationalen und den translogischen Bereichen zu tun.

Diese drei lassen sich weiter zusammenfassen in Mystik und Ratio. Beide sind wesentliche  Triebkräfte des deutschen Idealismus, und aus dem Studium ihres Wechselspiels gewinnen wir tiefere Einblicke in unser Geistesleben, zugleich aber auch einen Ausblick für eine mögliche  Neugestaltung  unserer Kultur.

Im Mittelalter finden wir Mystik und Rationalität durch zwei Vertreter deutschen Geistes – Meister Eckart und Dietrich von Freiberg – in Personalunion vereint. Beide kannten sich, beide gehörten demselben Orden an und beide befruchteten sich gegenseitig. Wir können hier einen Anfang für die Existenz des deutschen idealistischen Projekts postulieren. Dieser Anfang ist zugleich auch ein Höhepunkt unserer kulturellen Schaffenskraft. Er ist gleichsam das Zentrum einer geistigen Oszillation, deren Schwingungskreise sich über die Jahrhunderte ausbreiteten, oft gestört und interferiert, gar ausgelöscht wurden, um sich im18./19. verstärkend erstmals  zu einer Art stehenden Welle zu verdichten mit der Ausbildung von verschiedensten Mustern, Strukturen, Übergängen und Dynamiken. Genau genommen müssen wir von zwei Schwingungszentren sprechen – eben von der Mystik und der Intelligenz. Beide sind verschieden und doch sind sie im deutschen Geistes- und Kulturleben aufeinander eingestellt wie zwei Spiegel, die sich gegenseitig reflektieren, oder wie zwei Kraft- und Schwingungspunkte deren Radiationen ein gemeinsames Schwingungsmuster ergeben.

Die Aufgabe besteht darin, dass was der Mystiker schaut, fühlt, sieht und wahrnimmt,  durch die Intelligenz sichtbar und anwendbar  zu machen. Sollten Mystik und Intelligenz sich widersprechen und doch aufeinander bezogen werden, so zeigt sich darin eine existenzielle, paradoxe und widersprüchliche Situation. Soweit ich das deutsche Gemüt, unserer Mentalität richtig wahrnehme, trägt jeder in uns diese widersprüchliche Konstellation. Sie kann verdeckt, verschüttet, einseitig oder wechselseitig - mal so oder so erscheinen, aber sie wirkt in uns als Triebkraft, und je nachdem, wie wir sie auf- und wahrnehmen wird sie Vision oder Verhängnis sein. Hier erkenne ich einen der vielen Gründe für unsere sozusagen metaphysische Gespaltenheit, von einer mystischen Rationalität oder rationalen Mystik, die in sich widersprüchlich sein muss. Und dieser Widerspruch kann m. E. nur gelöst werden im Prozess des Werdens selbst.

Dieses Werden ist aber nicht nur ein sich im Fluss befindendes individuelles Sein, sonder ist auf bestimmte Weise ein sich begrenzendes und daher gestalterisch werdendes Sein. Gestaltwerden ist der Modus und werdendes Gestalten ebenso, was man  auch als Kreativität bezeichnen kann. Diese ist der Zustand einer Art geistig- psychischen Emulsion, die beide sonst so unvereinbaren Kräfte wie die der reinen Transzendenz oder Mystik und die Welt der Ratio in sich widerspruchslos – eben kreativ – aufzunehmen in der Lage ist, ohne sie zu zerstören, ja mehr noch zu potenzieren.

Kreativität ist eine natürliche Kraft, die allen Organismen, allen Kreaturen, allen Menschen zu eigen ist. Daher braucht es an gegebener Stelle eine weitere Bestimmung oder Einschränkung, um sie in unserem Kulturleben als sehr bestimmend nachweisen zu können. Eigenartigerweise besitzt die Kreativität, wie jeder  künstlerische und schöpferische Mensch es bestätigen könnte, zwei Seiten: ein „dunkle“, „negative“ und eine helle, positive Seite; Melancholie und Euphorie auf einer mehr psychologischen Ebene. Das ist der Preis, den der Kreative zu zahlen hat. Er muss beide Kräfte in sich aufnehmen, dulden und zur Anwendung zu bringen. Beide sind für den Gestaltungsprozess notwendig. Imgrunde sind sie  Höhen und Tiefen eines einheitlichen rhythmisch–zyklischen Ablauf, Ereignis- Kraft- und Entfaltungsaktes.

Wie also die Kreativität, wie sich Euphorie und Melancholie aufeinander beziehen, darin liegt z. T.  das  Besondere einer jeden Kultur.

Um es hier ein wenig vorweg zu nehmen, erweist sich die „deutsche Gespaltenheit“ nicht so sehr als eine Krankheit, sondern als eine Grundeinstellung, Grundverfassung unserer Mentalität, aus der heraus sich unsere kulturelle Aufgabe bestimmt. Werden wir aber durch innere oder äußere Umstände blockiert, behindert oder massiv eingeschränkt, wird diese Grundverfassung defizitär.

 

Mentalität des Europäers und des mediterranen, nahöstlichen Menschen

Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen der Mentalität des Europäers und z. B. des mediterranen, nahöstlichen Menschen, zwischen Europa und der antiken Welt. Es ist eher ein Unterschied  der inneren Gestimmtheit, im Tonus des Wahrnehmens des einzelnen Menschen, wie auch unserer  Kulturleben.  Dieser Tonus ist in meinen Augen etwas sehr  Ursprüngliches. Er reguliert unser instinktives, präkognitives Verhalten, unsere Beziehung zur Natur und zu den Mitmenschen. Hier nur angedeutet, besitzt  der Nordländer ein reizinadäquates, dagegen der Südländer ein reizadäquates Verhalten. Der erste ist distemisch (gespalten), der zweite zyklisch gestimmt. Es gibt eine ganze Reihe experimenteller Psychologen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, nicht nur in Europa, die in ihrer Konstitutionsforschung hierzu interessantes Material zusammengestellt hatten, das aber  in der Nachkriegszeit nicht weiterentwickelt, sogar aus der Forschung verbannt worden ist. Ihre Erkenntnisse will ich an dieser Stelle nicht weiter anführen, dafür aber auf das sehr reichhaltige Anschauungsmaterial der Kunsthistorie zurückgreifen. Riegl hat wohl als erster – übrigens ganz im Sinne des deutschen Idealismus – zum Verständnis des Kunstwerks das Kunstwollen vorausgesetzt,  und  damit eine antimechanistische, teleologische (Riegl) Betrachtungsweise eingeführt, die zu anderen Ergebnissen kommen musste. Daher müssten wir in den Produkten der Kunstschaffenden, im Kunstwerk der Malerei, Plastik, Architektur und der Musik  ganz besonders etwas über unsere eigene psychische Konstitution erfahren – ja regelrecht vor die Augen und Ohren geführt bekommen. Um hier gleich auf den Punkt zu kommen, um welchen Bereich es im Kunstschaffen geht, der als Matrix allem anderen möglicherweise zugrunde liegt und damit das Kunstwollen in seiner psychischen Beschaffenheit unmittelbar zum Ausdruck bringt, zitiere ich Worringer:

„Das absolute Kunstwerk, wie es sich am reinsten in der Ornamentik offenbart, wo das Inhaltliche den Tatbestand nicht verschleiern kann, bestand also z. B. zur Zeit der Renaissance nicht darin, die Dinge der Außenwelt nachzubilden oder sie in ihrer Erscheinung  wiederzugeben, sondern darin, die Linien und Formen des Organisch-Lebensvollen den Wohllaut seiner Rhythmik und sein ganzes innerliches Sein nach außen in idealer Unabhängigkeit und Vollkommenheit zu projizieren, um in jeder Schöpfung gleichsam einen Schauplatz zu schaffen für eine freie ungehemmte Betätigung des eignen Lebensgefühl.“ (Hervorhebung von mir)

An anderer Stelle schreibt er:

„Das Ornament  ist es also, das  in der Lage ist, unsere innere Gestimmtheit, tonale Struktur und Dynamik  annähernd zum Ausdruck zu bringen.  Es gibt uns  Auskunft über unsere prälogischen Wahrnehmungs- Verhaltensweise, die auch Verstand und  Intuition berühren und beeinflussen.   Die Frage also lautet: Warum empfinden wir, wie wir empfinden? Warum denken wir, wie wir denken und warum wissen wir, wie wir wissen? Auf anschauliche Weise soll uns das Kunstwerk und auf spezielle Weise das Ornament Klarheit geben.“

Es liegt im Wesen der Ornamentik, dass in ihren Erzeugnissen das Kunstwollen eines Volkes am reinsten zum Ausdruck kommt“, schreibt Worringer an anderer Stelle (66).

Wenn es also unterschiedliche Mentalitäten gibt, so muss es  auch  eine unterschiedliche Ornamentik geben, in denen sich jene ausdrücken.

Zum einen ist es das symmetrische, zum anderen das asymmetrische Ornament. Letztere finden wir hauptsächlich im Norden Europas als das keltogermanische Tieflechtornament, das  dem antik symmetrische Ornament geradezu  entgegengesetzt ist.

Haupt kommt zu folgender Charakterisierung:

Während das antike Ornament in seiner nach der Mitte zusammen oder von der Mitte nach den Seiten laufenden entgegengesetzten – negativen und positiven – Bewegung in sich selbst aufhebt, zu völligen Ruhe bringt, geht  jenes andere, von einem Punkte der Verzierung anfangend, immer weiter, immer in gleicher Richtung vorwärts. Und nur da kehrt  sein Lauf naturgemäß in sich selbst zurück, wo er sich um  einen Mittelpunkt bewegt oder in entgegengesetzter Richtung durch sich selber kriecht.“

„Dieses eigentümliche Wesen geht durch die gesamte Verzierungskunst der Nordländer hindurch; es ist eine Drehung im bestimmten Sinne, die nicht aufgehalten noch gehemmt werden kann.“

Hier also Dynamik und Asymmetrie, dort Symmetrie und Ruhe.

In der keltogermanischen Tierflechtornamentik besitzen wir Europäer einen Stempel besonderer Prägung, die unserer „instinktiven“ prälogische Veranlagung, unsere Eigenart im Denken, Fühlen und Wollen sinnlich vor Augen führt. Die Aufgabe besteht darin, ihre Formelemente, Struktur und Dynamik im „Philosophieren“ des deutschen Idealismus, der nicht nur Philosophie , sondern auch Dichtung, Wissenschaft, Politik, Bildung und Erziehung umfasst, nachzuweisen. Der deutsche Idealismus propagierte ein völlig neues Kulturideal, das, wäre ihm die Möglichkeit zur Reife eingeräumt worden, dem geschichtlichen Verlauf  Europas eine andere Richtung hätte geben können. Diese Ornamentik kennzeichnet also jenes Urgebiet und unterirdischen Zone der Ich Bildung, von der Pensa oben spricht, in der der deutsche Idealismus wurzelt, aber über die er sich auch erhebt, um ebenso den transzendentalen Bereich zu erforschen. Die Darstellung des translogischen Bereichs kann erst später erfolgen. Prälogik und Translogik sind nichts anderes als der Grund- und Schlußstein, Krypta und Gewölbe einer idealistischen Kathedrale, die im Innern zu existieren scheint und darauf wartet von uns erfasst und manifestiert zu werden.