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Das deutsche Programm  II 

 

Kehren wir wieder zum Systemprogramm des deutschen Idealismus zurück. Darin heißt es, dass der höchste Akt der Vernunft ein ästhetischer Akt ist. Dichten und Denken entstammen also  ein und derselben Quelle oder sind zwei Seiten ein und derselben Medaille: Kreativität. Das ist der   Kern der Parole vom „wir sind das Volk der Dichter und Denker“; denn diese Redewendung ist nicht so sehr die  Beschreibung einer historischen Situation, sondern eines Wesenszugs unserer Wahrnehmungsweise. Es ist eine Synthese der Gedanken – nicht nur mit dem Gefühl. Wir müssen noch weiter hinabsteigen unterhalb die gefühlten, reflektierten Ausdrucksebenen zur Motorik selbst. Der höchste Akt der Vernunft ist der ästhetische Akt, sagt das Fragment, aber dieser Akt bildet gleichzeitig die unterste Stufe der Wahrnehmung und zwar einer ganz bestimmten, beeinflusst durch den apriorischen Formwillen ….[der Menschen], der ein adäquate Ausdrucks ihres Verhältnisses zur Umwelt sei, schreibt Worringer (Formprobleme der Gotik, 48)

Apriorischer Formwille  und ästhetischer Akt sind  identische Ausdrücke für die Beschreibung eines sehr ursprünglichen Wahrnehmens und Verhaltens des Menschen zu sich selbst und zur Lebenswelt. Und dieser Formwille des nordischen Europa unterscheidet sich in einigen Dingen von dem der Menschen in den  antiken und orientalischen Hochkulturen. Zur Illustration folgen hier einige Abbildungen keltogermanischer und antiker, orientalischer Ornamente. Folgt man der Darstellung des Psychologen Piaget, der die geistige Entwicklung des Menschen in vier Stadien einteilt: Das sensomotorische Stadium, das präoperationale Stadium, die konkrete Operation und zuletzt die formale Operation, so vermute ich, dass die TFO (Tierflechtornament) dem ersten Entwicklungsschritt angehört. Somit erschließt das nordische Ornament eine Ebene unseres Bewusstsein unterhalb der Reflexion, die einerseits instinktiv, andererseits auch intuitiv sein kann. Das „sensomotorische Programm“ birgt eine Fülle von Erfahrungen, Vererbungen und Fähigkeiten, denen wir uns kaum bewusst sind, und darüber hinaus finden wir es im Konzept des transzendenten Idealismus wieder.

 

Keltogermanische Tierflechtornamentik und antike orientalische Ornamentik im Vergleich

 

 

                                      

 

 

 

 

                

                  Orientalische Ornamentik                                                         Tierflechtornamentik    

 

Schon ein oberflächliches Anschauen und Vergleichen der hier willkürlich ausgewählten Beispiele, vermittelt uns den gefühlten und empfundenen Unterschied, der nicht nur darin liegt, dass das antike Ornament wesentlich ausgereifter und verfeinerter ist und einen hohen kulturellen Stand repräsentiert. Der Unterschied zwischen ihnen ist der gleiche wie in der Architektur, Skulptur und Malerei; antiker Tempel und gotische Kirche vermitteln dieselben entgegengesetzten Impulse: Dort Harmonie, Ausgeglichenheit, Schönheit, Ruhe, Symmetrie. Hier Dynamik, Bewegung, Asymmetrie, Aufregung und Kraft, Konvulsion, Verschlingung und Phantastik.

Beide Ornamenttypen spiegeln verschiedene ästhetische Veranlagungen wider, die auch dafür verantwortlich sein könnten, wie wir die Umwelt und die Mitwelt wahrnehmen  und gestalten.

Worringer schreibt:

„Das erste, was bei der Vergleichung beider Ornamentstile auffällt, ist, dass der nordischen Ornamentik der aller klassischen Ornamentik so ureigene Begriff der Symmetrie fehlt. Statt Symmetrie herrscht hier Wiederholung. Auch in der klassischen Ornamentik  spielt allerdings das Moment der Wiederholung des einzelnen Motivs eine Rolle; aber  diese Wiederholung ist von einer ganz anderen Art. Die klassische Ornamentik neigt im allgemeinen dazu, das einmal angeschlagene Motiv im Gegensinn wie im Spiegelbilde zu wiederholen, wodurch der durch die Wiederholung produzierte Charakter ununterbrochener Steigerung wieder paralysiert wird. Durch diese Wiederholung im Gegensinn tritt eine Beruhigung eine Geschlossenheit  des Rhythmus ein; die Aneinanderreihung trägt einen die Symmetrie nie verletzenden ruhigen Additionscharakter. Das organisch geleitete Empfinden des klassischen Menschen gibt der durch die Wiederholung entstehenden Bewegung...... immer wieder Beruhigungsakzente.“

Die nordische Ornamentik dagegen, so der Autor, trägt keinen ruhigen Additionscharakter, sondern einen Multiplikationscharakter.  „ Eine ständig steigende Bewegtheit .... entsteht und die Wiederholung hat nur den einen Sinn, dem einzelnen Motiv die Unendlichkeitspotenz zu geben. Die unendliche Melodie der Linie schwebt  dem nordischen Mensch in seiner Ornamentik vor.“

Aber diese Linie betäubt eher als sie uns erfreut, kritisiert Worringer, sie zwingt uns zur willenlosen Hingabe. Und wenn man nach intensiver Betrachtung die Augen schließt, fährt er fort, empfängt man den Eindruck einer „körperlosen unendlichen Bewegtheit“.

Er kommt zum Schluss, dass sich jeder Vergleich zwischen der nordischen Tierflechtornamentik und der klassischen Pflanzenornamentik verbietet. „Ihre Genesis,  ihr Sinn und ihr Zweck  sind fundamental verschieden und ohne jede Kommensurabilität.“

Ornament, Mandala und Yantra

Diese schon mehr kontemplative Erfahrung und Schlussfolgerung  Worringers weist auf einen sehr interessanten Aspekt hin: auf den religiösen, magischen oder spirituellen Sinn und Gebrauch des Ornaments. Der Ursprung des Ornaments könnte also viel tiefer liegen als in einer bloßen Zierkunst und handwerklichen Brauchtums – und zwar in den Motiven einer religiös- spirituell motivierten Praxis und Welt-Anschauung unserer Vorfahren. Und ich bin daher der Meinung, dass das Ornament in alter Zeit dieselbe Funktion hatte wie die Mandalas und Yantras der uralten  spirituellen Kultur Indiens. Doch Yantra und Mandala sind nicht identisch und scheinen unterschiedliche Funktionen zu haben.

Ein Yantra, so lesen wir bei Moorkerjee, ist ein „[...] Motor zur Stimulierung von inneren Visualisierungen, Meditationen und Erlebnissen. [....] Es kann aber auch eine Reihe von Visualisierungen hervorrufen, die wie die verbindenden Glieder oder Stufen eines Entwicklungsprozesses sich wachsend auseinanderfalten.“ (Zimmer, aus: Die Welt des Tantra, Mookerjee, Khanna, S.65f).

„Das Mandala ist ein psychisches Ganzheitsgebilde, das die Rückkehr der Psyche zu ihrem wirkkräftigen Kern ermöglicht. Demgemäß wird der Initiationsprozess mit einem `Gehen zum Zentrum´ gleichgesetzt, so dass der Eingeweihte das Mandala in seiner Ganzheit verinnerlicht und die einander entgegengesetzten Kräfte, die in seiner Symbolik ausgedrückt sind, ausgleichen kann, um schließlich in den kosmischen Raum, symbolisch durch den inneren Kreis dargestellt, wieder aufgenommen zu werden.“ (Ebenda, 82).

Schamanismus und  Religion

Es wird klar worauf ich hinaus möchte: was in der indischen Tradition mehr oder weniger ungetrennt vorkommt und sich gegenseitig befruchtet hat, ist in Europa getrennte Wege gegangen. Die nordeuropäische Tierflechtornamentik entspringt im Kern einer völlig anderen spirituellen Praxis als die des klassisch-symmetrischen Ornaments der Antike bzw. des Südens Europas, der Levante. Welche so voneinander sich unterscheidenden Welt-Anschauungen könnten das sein; Anschauungen, auf deren Grundlage sich die Kultur der Antike einerseits und die Zivilisation Europas andrerseits aufbauten?

Immer wieder treffen wir  auf zwei grundlegenden Formen spiritueller Praxis des Menschen über die Jahrtausende hinweg: Schamanismus und  Religion.  Was unterscheidet den Schamanismus von der Religion? Wie wurden sie von den alten regionalen Hochkulturen entwickelt? Der Schamanismus  ist in ausgeprägter Form individualistisch und exzentrisch. Der religiöse Typus dagegen ist gruppenorientiert, rituell, harmonisierend. Den Schamanen treffen wir hauptsächlich bei den Jägern und Sammlern, den religiösen Priester bei den Dorfgemeinschaften der Pflanzer an. J. Campbell schreibt:

„Bei den Pflanzern liegt das Schwergewicht auf der Gruppe, bei den Jägern dagegen auf dem Einzelnen. [...] In den Dörfern und Städten der Pflanzer dagegen wird die Gefühlsordnung, die dem Überleben der Gruppe am dienlichsten ist, von der archetypischen Philosophie der Gruppe – der Philosophie des Weizenkorns, das in die Erde fällt und erstirbt, aber darin lebt, ausgestaltet in den Riten der Riesenschlange und des Mädchenopfers – bestimmt und zum Ausdruck gebracht.“ (Mythologie der Urvölker, S.272)

Die Religion der Pflanzer entwickelte eine ausgefeilte astrale Kosmologie mit dem Bestreben Kosmos, Natur und Mensch einander anzugleichen und zu harmonisieren. Das Ergebnis ließ sich sehen: großartige kulturelle Leistungen, zugleich aber auch die notwendige Einschränkung des Individuums bis hin zur offenen oder verdeckten Versklavung. Der Schamane dagegen war frei. Er reiste in die inneren Welten und was er dort an Einsicht und Wissen gewann, brachte er zurück, wovon auch die anderen seiner Gemeinschaft profitierten. Kulturelle Organisation werden wir aber bei ihnen vergeblich suchen.

Campbell beschreibt den Unterschied beider Weltanschauung folgendermaßen: „Der Priester ist das eingeweihte, zeremoniell eingesetzte Mitglied einer anerkannten religiösen Organisation, in der er als Träger eines Amtes, das andere vor ihm bekleidet haben, einen bestimmten Rang und eine bestimmte Aufgabe hat, während der Schamane ein Mensch ist, der sich infolge einer persönlichen seelischen Krise eine ihm allein eigene Kraft erworben hat.“ ( S. 261)

Aber  den grundlegenden Unterschied sehe ich nicht  zwischen  Individuum und Gemeinschaft, sondern in der verwendeten religiösen Technik selbst. Der Schamane benutzt  uralte Ekstasetechniken, während der Priester als Repräsentant der Astralkulte Ritus und Meditation anwendet. Ekstase bedeutet nichts anderes als  außerhalb des Körpers zu sein und hat erstmal nichts mit den orgiastischen Erlebnissen zu tun. Während der Ekstase bewegt sich der Einzelne aus dem Körper heraus in die größeren inneren Welten hinein, um dort Kräfte, Wissen und Erleuchtung oder gar spirituelle Freiheit zu erlangen. Der Priester dagegen sediert sich, öffnet sich, um die göttliche Kraft und Wissen in seinen physischen Körper zu transferieren. Diese Technik und Vorgehensweise wird auch als Entheose bezeichnen: das Beschwören und Herabziehen der göttlichen Kraft in den physischen Körper hinein. Beide Techniken haben ihre Bedeutung und Wirkung auf das Zusammenleben der Menschen.

Ich vermute nun, dass die Tierflechtornamentik in ihrer ursprünglichen Form ein Produkt der schamanistischen Ekstasetechnik ist, um dem einzelnen zu helfen, einen außerkörperlichen Standpunkt einzunehmen. Dagegen ist das symmetrische Ornament der Antike ein Ergebnis der Entheose-Meditation, sich der herab strömenden Kraft zu öffnen, aber sie auch an den Körper und die physischen Bedingungen zu binden.

Der Schamanismus ist sehr viel älter als jedes überlieferte religiöse System und als solcher ist er der „Hüter des Mythenschatzes“ (Campbell) von über sechshunderttausend Jahre. Dieses geistige Erbe ist in unserer Lebenswelt, in den Zellen, Sinnen und Genen jedes einzelnen präsent und spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle im Leben der Völker.

Welche Bedingungen herrschten in Europa, wie wurden die neolithischen, bronzezeitlichen Welt – Anschauungen und Religionen, die sich im Süden, in der Levante, im fruchtbaren Halbmond entwickelten – aufgenommen? Campbell schlussfolgert:

„Wir haben gesehen, dass sich aus dem anfänglichen Austausch dieser nördlichen Jäger- und Kriegerformen mit den eindringenden neolithischen und bronzezeitlichen Kulturformen keine Verschmelzung ergab [!], sondern wechselseitige Beeinflussung von zunehmender Spannweite und Stärke. Und das gleiche geschah im Jahrtausend der christlichen Mission, die wie die anderen höheren Kulturformen abermals aus der Kernzonen des Nahen Ostens kam.“ Und etwas weiter: „Kurz, es besteht zwischen der heidnischen Vergangenheit und dem Hochmittelalter Europas ein eindrucksvoller Geist– und Entwicklungszusammenhang, eine zeitlang schwer überdeckt gewesen von einem geistlichen Despotismus orientalischen Typs, der aber schließlich zersetzt, aufgesogen und verarbeitet wurde. In höfischen  und poetischen Kreisen siegte das Ideal der individuellen Erfahrung über die unfehlbare Autorität von Männern, deren Charakter man nicht in Betracht ziehen sollte.“

Ich-Prinzip

Aber am mittelalterlichen Horizont zeichnete sich eine neue  Mythologie ab, eine die weder dem Schamanismus noch den der alten Religionen angehört, eine Mythologie des Menschen wie es Campbell nennt und die er z. B. in der Gralssuche und der Artuslegende vorgezeichnet sieht. Diese neue Mythologie nennt er schöpferische Mythologie - ein Prozess, „in dessen Verlauf der europäische Mensch die Augen für einen Zustand öffnete und öffnet, der kein Zustand ist, sondern ein Werden. Dieser Prozess ist zugleich das Verschwinden aller früheren Masken Gottes, hinter denen sich, wie man jetzt erkennt, der heranwachsende Mensch selbst verbarg.“

Ihre  Funktion besteht darin, „[…] den Einzelnen in die Wirklichkeiten seiner eigenen Psyche einzuweihen und ihn so zu seiner eigenen geistigen Bereicherung und Erfüllung hinzuleiten.“ (593)

Der Autor spricht vom Ich-Prinzip, das in Europa gefördert wird und uns eine Geisteshaltung und eine psychologische Problematik beschert, „ die sich in jeder Hinsicht von der archaischen orientalischen Seele unterscheidet. Und dieser humanistische Individualismus hat Schaffenskräfte freigesetzt, durch die in nur zwei Jahrhunderten Veränderungen im Wohl  und Wehe der Menschen herbeigeführt wurden, wie sie zuvor kein Jahrtausend jemals bewirkt hatten.“

Individuelles Schöpfertum, Ich-Prinzip, Humanismus sind u.a. Merkmale einer neuen Mythologie des Westens also eines humanistischen Programms, wie ich es nennen würde, das jedoch in seiner 1. Phase aufgehalten oder gebrochen wurde, um mit dem deutschen  transzendentalen Idealismus des 18. und 19 Jahrhunderts als einen nicht nur propagierten sondern auch in  die Tat umgesetzten neuen Humanismus ( siehe oben Curtius) weiterzumachen; bis auch dieser innerhalb  weniger Jahrzehnten von einer materiell – technologischen und ökonomischen Reaktion regelrecht untergepflügt aber nicht begraben wurde.

Die europäische Geschichte, beruhend u.a. auf der uralten Jägerkultur schamanistischer Ausrichtung, ging ein spannungsreiches Verhältnis mit der bronzezeitlichen zirkularen Welt- Anschauungen der Pflanzerkultur ein, sich gegenseitig befruchtend, aber nie es schaffend, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen beiden Lebensformen zu etablieren.

Der Humanismus selbst ist meines Erachtens nur der Versuch,  beide Impulse zu vereinigen bzw. aus ihnen etwas  Neues zu kreieren. Er ist gescheitert. Natur und Mensch stehen sich nun völlig entzaubert und verständnislos gegenüber und beide ringen  mit den apokalyptischen Kräften einer hybriden, künstlichen  Technik und Technologie, die das Feld der Machbarkeit ins Unendliche auszuweiten bemüht ist, aber sinnvolles Verstehen auf ein Minimum reduziert. Der idealistische Humanismus verlor seine inneren Werte, seinen mystischen oder transzendentalen Grundton angesichts der heraufziehenden technologischen, ökonomischen und sozialen Schockwellen, die über Europa rollten und jeden einzelnen ins Innere traf. Melioration, Begradigung und Mechanisierung des Lebens wurden und werden bis heute in einem Tempo vorangetrieben, dass es dem einzelnen kaum möglich ist, diesen Vorgang zu erkennen oder ihn gar aufzuhalten. Deutschland war bis Ende des 19. Jh. immer noch in großen Teilen ein Agrarstaat mit Handwerk, Handel und Bauerntum, sowie aufstrebender Industrie und Bankenwesen (siehe Sombart).

Der I. Weltkrieg als geschichtlicher Wendepunkt

Der 1. WK verwandelte das  noch bestehende alte Gemeinwesen, durch die englische Hungerblockade forciert, in eine Kriegswirtschaft, die sämtliche Bereiche des Lebens und des einzelnen erfasst und durchdrungen hat. Dieser Vorgang wurde von den meisten als notwendig aber auch als schmerzliche Einschnitte in die persönliche Freiheit empfunden. So kann man in der Broschüre des Kriegs- und Ernährungsamtes aus dem Jahre 1917 lesen:

„So ist der Einzelne heute mit der Gesamtheit enger verflochten als je zuvor. Seine Person und sein Vermögen liegen in der Hand des Staates. Diese Abhängigkeit reicht bis tief in das Privatleben hinein. Der Wirtschaftskrieg ist gegen die einzelnen Angehörigen des deutschen Volkes gerichtet, er muss auch von jedem Einzelnen abgewehrt werden.“

Dieser Wirtschaftskrieg, der parallel zum militärischen Krieg geführt wurde, stellte die deutsche Wirtschaft, richtiger die ganze Nation, vor  riesige Herausforderungen, die sie vorher so noch nicht gekannt hatte. Es war nicht nur eine Herausforderung, sondern auch ein singuläres Ereignis. Friedrich Naumann hatte das  erkannt und folgendermaßen beschrieben:

„ [...] so wird von diesem unserem mitteleuropäischen Kriege an eine Findigkeit der Industrie beginnen, die uns noch viel unabhängiger macht  als vorher. Es ist eine hohe, strenge aber doch nützliche und wohltuende Schule, in die wir zwangsweise geschickt wurden. Wir lernen in der Weltwirtschaft auf eigenen Beinen stehen. Das lernt weder England noch Frankreich; diese Schule ist unser Vorzug, der Segen unserer Not, das ist unser besonderes mitteleuropäisches Ereignis. Wir haben nicht nur militärisch zusammen etwas Wunderbares geleistet, sondern auch wirtschaftlich. Das ist die Einleitung unserer zukünftigen gemeinsamen Wirtschaft.“

Naumann sieht, dass unter diesen Bedingungen der wirtschaftlichen Isolation und vollständigen Einsamkeit die Mitteleuropäer etwas besonderes erlebt hatten: den geschlossenen Handelsstaat, den kühnen Entwurf des idealistischen Philosophen Fichte, „ der sich durch Schicksal und Volksanlage bei uns im Kriege verwirklichte.“ 

Der geschlossene Handelsstaat war also das besondere Ereignis. Und in dieser Retorte wurde ein Prozess der in sich kreisenden Kräfte, Stoffe, Energien ausgelöst, der zu einer Art kulturellen Kernschmelze führte, die zwei wesentliche Bereiche des gesamten Volks unmittelbar und in kurzer Zeit zusammenführten: die innere visionäre, mystische – intuitive Veranlagung mit dem Prinzip der äußeren Organisation, die Vision mit der Tat, das Wissen mit  Handlung, die Kreativität mit den Kräften der Manifestation.  Daraus erwuchs den Deutschen ein  neues Lebensgefühl, das ungeahnte Kräfte freilegte. Dieser Vorgang wurde schon hundert Jahre früher durch den philosophischen Idealismus und die Romantik eingeleitet,  aber wahrscheinlich mangels  „Hitze“ abgebrochen. Bis 1917 bestand für Deutschland  noch die Möglichkeit, verwandelt und neugeboren  aus dem Schützengraben aufzusteigen, um eine autarke Volks- und Lebenswirtschaft aufzubauen. Aber genau das sollte verhindert werden, und so wurde die Intrige gesponnen, die Propaganda hochgefahren, Lüge und der Verrat verbreitet, so dass Deutschland  schon im Geist verloren war, als es noch auf dem  Schlachtfeld siegte.

Existenzialismus – Martin Heidegger

Die auf der Niederlage, Demütigung und Erpressung folgende Entwurzelung und Verlust der alten Bezugssysteme verursachte eine Krise im Menschen, die aber auch die Geburt eines neuen Bewusstseins erkennen lässt.  Eine erste geistige Antwort auf diese Sinnkrise war der philosophische Existenzialismus  am  Anfang des 20. Jh. Aus meiner Sicht  war er  die Fortführung des transzendentalen Idealismus  aber in Form seiner Gegenthese, durch die er sich hindurcharbeiten muss, um neues Land betreten zu können. Zum Existenzialismus bemerkt Paul [Twitchell] folgendes:

Aber indem sich der Westen den psychologischen Religionen des Ostens, des Vedanta, öffnet, beginnt die westliche Religion eine einsichtsvollere Betrachtungsweise anzunehmen. Immer weniger wird der westliche Mensch heute von den Doktrinen des orthodoxen  Christentums oder von den Werten und Disziplinen des klassischen Humanismus gestützt oder entscheidend geführt. Mit den Erscheinen des Existenzialismus (das ist ein Zweig der Philosophie, der im Westen des 18. Jahrhunderts von Sören Kirkegaard begründet wurde), der sich durch Jaspers, Heidegger, Sartre und andere Denker bis in die jüngste Zeit entwickelt hat, und der eine nach innen gekehrte, humanistische Theorie darstellt, die die intensive Bewusstheit der Möglichkeiten und der Freiheit des Menschen ausdrückt; eine Theorie, die die Verantwortung des einzelnen dafür betont, dass er sich zu dem macht, was er ist, und dass er ein Geschöpf Gottes ist und seine subjektiven Aspekte mehr als seine objektiven Aspekte studiert werden sollten.

Mit dem Erscheinen dieses Zweigs der Philosophie löste sich die Zivilisation der letzten 500 Jahre in Europa auf und akzeptierte die Vorstellung, dass sie nur als ein Teil eines größeren Ganzen erneuert werden kann, das die Welt umfasst.“ 

Der deutsche oder auch transzendentale Idealismus, ein Kind des 18./19. Jahrhundert mit einer langen vom Hochmittelalter ausgehende Zeit der Reife, durchschritt im 19. Jahrhundert das Tal seiner völligen Antithese: den Materialismus, findet sich im Existenzialismus des 20. Jh. und zwar in der Persönlichkeit von Martin Heidegger wieder, um mit seinem Tod, so  scheint es, vollends zu versiegen. Die folgende physische, emotionale, mentale Auflösung des deutschen Volks wurde so weit vorangetrieben, dass es zu einer umfassenden existenziellen Krise kommen musste.

2015 – Gemeinschaftliche Selbstreflexion der Identität – Chance für einen Neubeginn unserer Kultur und unseres Volkes

Diese Krise trat 2015 in ihre akute Phase ein.  Zum ersten mal seit vielen Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten fand als Reaktion darauf eine kollektive oder gemeinschaftliche Selbstreflexion statt, eine, die nichts anderes zu ihrem Inhalt hat, als die eigene, bewusst wahrgenommene Identität. Je bestimmungsloser sie empfunden wurde, umso reiner bzw. unmittelbarer konnte sie in das Bewusstsein der Menschen treten. Für mich war das eine tiefe Erfahrung, die ich mit  anderen teilte. Diese gemeinschaftliche Selbstreflexion ist ein Glücksfall, eine Chance für einen Neubeginn unserer Kultur und des Volkes.

Der deutsche Idealismus hat seine mentale Begrenzungen, alles Theoretische, Rationale abgestreift und ist zum existenziellen und erkennenden Moment in uns geworden. Das heißt, der Idealismus ist nicht versiegt, sondern vom Leben selbst aufgesogen worden. Nun wird er getragen von den Leibern, den Köpfen, Herzen und Händen vieler Menschen in und außerhalb unseres Landes. Und aus der Vielzahl all ihrer Handlungen, Erfahrungen, Wissen und Konzepte wird sich eine neue idealistische Struktur, ein neues Weltbild mit einem erweiterten und gereiften Bewusstseins herauskristallisieren. „Eine Idee die von der Masse Besitz ergreift, wird zur materiellen Gewalt“. So einleuchtend dieser bekannte Satz auf den ersten Blick auch scheinen mag, ist er falsch; denn das ist das Konzept des Kommunismus, das Konzept der Sozialtechniker und deren Geldgeber.

Dagegen: Wird die Idee von der Gemeinschaft erkannt und aufgenommen, verwandelt sie  sich in die Idee selbst. Das ist Entfaltung und Höherbildung versus Auflösung und Zerstörung. Das ist die Position des deutschen, romantischen Idealismus.

Eine Idee kann nur mit dem Herz erkannt und aufgenommen werden. Geschieht es, ist sie stärker als jede materielle Gewalt.

Dass dieser Prozess tatsächlich begonnen hat, lässt sich an den Protesten, Kundgebungen, Märschen und den Reden aus dem Volk reichlich belegen.

Diese gemeinschaftliche Selbstreflexion, die aus der existenziellen Bedrohung und Krise entstanden ist, ist auch Grund und Stufe bzw. eine Tür zur  individuellen Selbstreflexion, die zur Feststellung der Unvergänglichkeit des eigenen, individuellen Bewusstseins führt, zum Seelenfunken, wie es Meister Eckart  vor tausend Jahren ausgeführt hatte. Kurz, der transzendentale Idealismus mündet in den spirituellen Idealismus, als ein um spirituelle Einsichten und Lebenserfahrungen erweiterten transzendentalen Idealismus. Das ist die Vision – eine, die nicht von außen aufgesetzt, sondern  von innen herausgearbeitet werden wird.

Ich glaube, dass die vollzogene gemeinschaftliche Selbstreflexion der Identität ein wichtiger Schritt für uns ist. Sie ist der Träger unseres Gruppenbewusstseins und unterscheidet sich von allen anderen Völkern und Kulturen, wie auch diese einzigartig sind und sich untereinander und von uns unterscheiden.

Dieses Gemeinschaftsbewusstsein beinhaltet all unsere Traditionen, Erfahrungen, Wünsche, Konzepte, Erlebnisse, Taten und Untaten; aber es ist nicht identischen mit ihnen. Es ist ebenso einzigartig, rein und für sich seiend wie das individuelle Seelen-Bewusstsein eines jeden von uns, das wir selbst sind.

Der obige Versuch einer Analyse des vor-logischen oder vor-reflexiven Bewusstseins ist nichts anderes als die zu leistende Anstrengung, unser seit Tausenden von Jahren  bestehendes Gruppenbewusstsein zu erschließen. Letzteres ist durch unsere wechselvolle Geschichte  immer wieder in Frage gestellt, beschränkt, zerstückelt ja bis zur Unkenntlichkeit deformiert worden, so dass es heute viele gibt, die mit ihrer eigenen kulturellen Identität nichts zu tun haben wollen. Das Gift der Propaganda, nicht nur  der letzten 100 Jahre, ist so tief in unsere Wahrnehmung und in unseren Alltag eingedrungen, dass es fast schon übernatürliche Kräfte bedarf, diese Kontaminierung zu überwinden.

Wie beurteilte der Romantiker Görres vor rund 200 Jahren die deutsche Situation nach der napoleonischen Herrschaft, Besetzung und der Neuordnung in Europa aus? Wo stand Deutschland damals, in welchem Zustand befand es sich? Er schrieb:

„So ist  der teutsche Charakter in ein verworrenes, trübes und unklares Gemisch von allen vier Elementarnaturen aufgegangen, und Teutschland selbst eine ursprüngliche chaotische Flüssigkeit geworden, worüber der Geist noch schwebend brütet. Es liegt in der Natur der Dinge, dass wenn ein großer Organismus sich selbst von innen heraus umgestaltet, dies nur durch eine vollkommene Umkehr geschehen kann, indem das Erste zum Letzten, das Innerste zum Äußersten wird, wo dann die Wiedergeburt gleichsam in rückläufiger Bewegung von außen herein fortschreitend erfolgt. Dies ist aber der Fall bei der großen Umwandlung des europäischen Systems gewesen, und darum hat alles, was von neuer Gestaltung sich im Weltteil zeigt, auf Unkosten von Deutschland sich gebildet; in der Solution des großen germanischen Reiches sind alle jene Kristallisationen angeschlossen, und das jetzige Deutschland ist endlich als das letzte Überbleibsel des großen Alkahests zurückgeblieben, eingeschlossen in den umgebenden, in der Bildung schneller  vorgerückten, festen Formen, wie ein Bergkristall oft in seiner Mitte in wenig Wassertropfen die Reste der Feuchtigkeit beschließt, aus der er sich gebildet hat.“

Und etwas weiter:

„Dieser Charakter des Chaotischen geht durch alle Verhältnisse des teutschen öffentlichen Lebens als wesentlich bezeichnend hindurch. In den religiösen z. B. hat das alte, heilige Reich sich zu einem Lebermeer umgestaltet, wie es die alten griechischen Seefahrer im Norden gefunden: nicht Wasser, Land, noch Luft, sondern ein dickes, geronnenes Magma von allen.“

Seinem Bild ist nichts hinzuzufügen. Es scheint ein Grundthema unserer Geschichte zu sein: Auflösung bis zur Unkenntlichkeit, Umbildung, Neuanfang, Aufbau ... Görres  Einschätzung ist so aktuell wie vor 200 Jahren, doch der Sinn dieser Art „teutscher“ Entwicklung und Daseinsweise entzieht sich uns immer noch.

Sind wir dazu verdammt wie Sisyphus kurz vor dem Ziel wieder alles zu verlieren oder von unserem eigenen Werk erschlagen oder erdrückt zu werden? Welchen Sinn hat es den Aufbau zu wagen, wenn innere und äußere Kräfte immer wieder alles zunichte machen? Ist es uraltes Karma, das wir abtragen, oder Training, Test und Prüfung für eine neue Lebensform? Wenn ja, was war die alte Lebensform, die Lebensweise eines alten Europas?