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 Das deutsche Programm  III

 

Das alte Reich, diese alte Ordnung oder Lebensform, existiert noch heute

Es war u.a. das Reich der Stände, Innungen, Korporationen, Familien, Bauern, Handwerker und Grundbesitzer. Diese alte Ordnung ist in Deutschland des frühen 19. Jahrhunderts immer noch vorhanden, aber schon stark bedrängt durch die aufkommende Industrie, die Fabrik und vor allen Dingen des Geld- Kreditwesens. Beide existierten noch Mitte  des 19. Jh. zusammen, während in England schon ein  Übergewicht der neuen kapital- industriellen Ordnung stattgefunden hat. Für Deutschland sah Adam Müller, ein fast vergessener Philosoph, herausragender Staatstheoretiker und Romantiker seiner Zeit, die Möglichkeit gegeben, dass die „alten ewigen korporativen und ständischen Einrichtungen mit dem „vergänglichen Fabriksystem“, dort wo jede für sich hingehöre, zusammen existieren können. Diese alte Ordnung oder Lebensform existiert heute noch, wurde aber weitestgehend aus dem kulturellen Gedächtnis der Deutschen gelöscht bzw. tabuisiert, ist aber sozusagen im Langzeitgedächtnis gespeichert und immer noch abrufbar. Diese Formation umfasst m.E. nicht nur die letzten tausend oder zweitausend Jahre, sondern geht noch viel weiter in die sogenannte prähistorische Vergangenheit zurück, von der die Scheibe von Nebra nur ein Funke oder besser ein Lichtblitz des kollektiven Erinnerns darstellt. Kulturelle Symbole wie die Runen, Ornamentik, Landschaft, Fachwerk, romanische und gotische Architektur, Plastik und Malerei, keltogermanische Münzprägungen, Handwerk und Bauernwerk (Luther), Mythos, Märchen, Sagen und Legenden u.a.m. sind  zugegebener Maßen Reste einer alten überlieferten  Kultur. Auf  diese  pfropft sich die neue Geld-Ordnung, zehrt von ihr wie von einer naturgegeben, vorhandenen Ressource, verändert sie bis zur Unkenntlichkeit, ohne sie aber zu beseitigen. Diese neue Ordnung ist u.a. durch Kredit, Geld, Arbeit und Maschine gekennzeichnet (in neuester Zeit kommt die Kommunikation oder die digitale Signalverarbeitung – DSP – als vierter treibender Faktor hinzu), die alle ein gemeinsames  Merkmal besitzen: Entropieproduktion. Oder in einfachen Worten: Raubbau, Verschwendung, Verschmutzung und Vernichtung.

Exponentielle Dynamik des Geldes – Parasit der rhythmisch-zyklischen Natur und Gesellschaft

Der oberste Taktgeber aller Veränderungen war und ist immer noch das sich „selbst vermehrende“ Geld. Seine Entfaltungsdynamik ist exponentiell, wohingegen die Dynamik aller natürlichen und organischen Wesen und Gemeinschaften rhythmisch - zyklisch ist und sich über größere Zeiträume  erstreckt. Diese langwelligen Zyklen und Perioden ergeben die natürlichen Lebensprozesse mit ihren wichtigen Phasen der Geburt, des Wachstums, Alterns und Todes, der wiederum neues Leben gebiert. Sie sind das Wellenband, das alle anderen Abläufe umfasst und integriert. Braudel nennt diese langen Zyklen das materielle Leben.

„Das materielle Leben, wie ich es begreife, besteht in all dem, was die Menschheit in der vorangegangenen Geschichte in ihr eigenes Leben grundlegend integriert hat, so dass die Menschheit es `im Bauch´ haben und die Erfahrungen und Vergiftungen von einst zu alltäglichen Notwendigkeiten, zu Banalitäten geworden sind. Daher werden sie von keinem mehr aufmerksam beobachtet.“ Und an anderer Stelle: „Ich glaube, dass die Menschheit bis zum Hals im Alltäglichen steckt. Unsere gesamte Existenz wird durch unzählige überkommene Gesten bestimmt, die kreuz und quer akkumuliert wurden. Sie sind in unendlichen Wiederholungen auf uns gekommen, nun helfen sie uns zu leben, halten uns gefangen und entscheiden für uns. Es sind Anreize, Impulse, Modelle, Handlungsformen und Handlungszwänge, die manchmal – häufiger als wir meinen – aus den Tiefen der Geschichte stammen. Eine sehr alte und immer noch lebendige, eine jahrhundertealte Vergangenheit mündet in die Gegenwart, wie der Amazonas seine trüben Wasser in den Atlantik ergießt.“.  

Maschine als Taktgeber – Geld – Power Laws – Fraktale

Mit diesen langwelligen Perioden und Zyklen sind wir auch mit dem irdischen und kosmischen Geschehen verknüpft und nicht zuletzt auch mit dem kosmischen Bewusstsein. Mit der Erfindung und Nutzung der Maschine als ein universales Takt- und Hemmwerk (Franz Reuleaux, Kinematik) konnte diese alte Ordnung  mit ihren stabilen Perioden und Zyklen aufgeschlossen und in kleinste Raum- Zeiteinheiten  zerlegt, portioniert und damit verbraucht werden (das dies auch ein Fortschritt ist, muß man nicht erst erläutern). Die uralte zyklische Ordnung wurde regelrecht aufgespalten und willkürlich linearisiert. Der lebendige Rhythmus von Werken und Tun, Schaffen und Schöpfen verwandelt sich in  Arbeit und Produktion, in einen unendlichen, gespensterhaften Aufmarsch künstlicher Formen, Dinge und Prozesse; sie wird zum Taktrhythmus eines kontinuierlichen, quantitativen, messbaren Lebensstroms. Der Mensch wird zur Ressource, zur bloßen Verfügbarkeit und nunmehr gleichwertig und kompatibel mit den Naturressourcen Kohle, Erdöl, Erdgas. Beide Ressourcenströme führt die Maschine zusammen, um ein Produkt zu erzeugen, dass schon im Entstehungsprozess kein reiner Gebrauchsgegenstand mehr ist, sondern und hauptsächlich eine Ware zweiter Ordnung. Bildeten sich in der alten Ordnung die Ware erste auf dem Markt, im Handel und Austausch, so ist dieser natürliche Prozess vollständig in die Fabrikation über- und untergegangen. Produkt und Fabrikation nehmen immer mehr den Charakter des Geldes an, dessen Triebkraft die Exponentialfunktion ist. Sie ist die ungehemmte Sucht  der Kapitalakkumulation und der quantitative Ausdruck von Gier, Macht und Gewalt.

Diese Exponentialfunktion steckt entweder als unendlich kleiner  Grenzwert in den Produkten, Stoffen, Energien und Prozesse in Form der Optimierung, Effizienz, Normierung, Einsparung usw. oder in dem schier endlos gesteigerten Produktionsvolumen – ausgespien, einem Vulkan gleich, der mit Magma und Asche alles unter sich begräbt, was in seiner Nähe lebt. Diese Tendenz zur Ausdehnung ins unendlich Kleine und zugleich ins Große hebeln die alten rhythmisch-zyklischen Gesetze aus zugunsten neuer sogenannter Power Laws mit der Erscheinungswelt der fraktalen Komplexität. Diese fraktale Komplexität ist nichts anderes als der gesprungene oder zerschlagene Spiegel alles Lebendigen. Ihre Faszination ist groß, doch zieht sie einen in den Abgrund, wie der plötzliche Blick aus großer Höhe.

Unsere Welt besteht auf der Grundlage der Dualität: oben und unten, heiß und kalt, positiv und negativ usw. alles ist in Gegensätzen angeordnet. Und so steht der reinen Kapitalakkumulation die Naturzerstörung als Explosion gegenüber. Sie kann als eine negative exponentielle Funktion beschrieben werden. Verbrennung ist wie die Explosion ein Oxidationsprozess nur etwas langsamer. Verbrennung und Explosion werden durch die Maschine gesteuert, reguliert und getaktet und die so gewonnene, gebändigte und  gemaß-regelte natürliche Energie wird mit der ebenfalls gemaß-regelten Lebensenergie des Arbeiters zusammengeführt, um der exponentiellen Geld - Akkumulation Genüge zu tun und am Leben zu halten.

So haben wir ein gesellschaftliches Paradox,  dass die Produktion auf  Zerstörung und die Zerstörung auf Akkumulation beruht; zusammen ergeben sie das, was man als Entropieproduktion oder als negative Produktion bezeichnen kann.

Entropie, Macht, Zerstörung

Das Wesen jeder Form von Entropieproduktion ist Macht. Macht und Zerstörung gehen Hand in Hand. Das Widersprüchliche daran ist, dass auch die Macht den positiven, aufbauenden Faktor benötigt, um bestehen zu können, sonst würde sich jede Macht sofort selbst verschlingen, wie Kronos seine Nachgeborenen. Auch der Produktionsprozess, die Arbeit, das Schaffen geht durch eine Phase der Zerstörung und Umwandlung, um etwas Neues zu kreieren. Schaffen und Zerstören sind aber im natürlichen Lebensprozess rhythmisch - zyklisch aufeinander abgestimmt, während sie in der reinen Kapital- Kredit und Zinswirtschaft auseinander gerissenen sind, sich unmittelbar gegenüberstehen, um sich gegenseitig voranzutreiben und sich endlos in Form der „positiven Rückkopplung“ zu steigern. Macht benötigt die Verfügungsgewalt über Geist, Stoff und Energie. Das wird durch die Entropieproduktion sichergestellt. Diese umfasst also nicht nur die Fabrikation, sondern  auch Kultur, Organisation, Kommunikation und die Natur, bzw. dir Erde.   Kultur, Organisation, Kommunikation, Arbeit, Produktion etc. sind allerdings  schon Ausdrücke der neuen Ordnung, gut geeignet die alte Ordnung zu verdrängen und unsichtbar zu machen. Doch wir kommen nicht mehr ohne sie aus,  müssen aber versuchen, mit ihnen wieder die alte Ordnung sichtbar zu machen so gut es geht; denn diese ist und bleibt unser uraltes lebendiges und dynamisches Potential, unser Grund und Boden auf dem wir stehen. Othmar Spann (Philosoph und Ökonom) unternimmt schon 1920 den Versuch die Volkswirtschaftslehre auf  ideelle Füße zu stellen und hierbei nimmt er traditionelle Begriffe aus der deutschen Sprache, um dadurch auch das Gespinst der „wissenschaftlich“, „historischen“ und kapitalistischen Betrachtungsweise, die auch als Kritik wie z. B. der Marxismus auftritt, zu durchdringen, um den alten transzendental-idealistischen, den ständischen und korporativen Gedanken wieder  Geltung zu verschaffen. Er schreibt im Vorwort:

„Die königliche Frage unserer Wissenschaft liegt  nimmer mehr in der Wert- und Preislehre, am allerwenigsten in der mathematisch-mechanischen; sie liegt in der Gliederungslehre der Leistungen, sie liegt in der Lehre von den lebendigen Ganzheiten, welches sich das Leben sogar im äußeren Bereiche der Mittel, in der Wirtschaft, noch bildet. Denn das Leben kann nicht Totes berühren, es bildet alles sich selbst zu, es bleibt rein bei sich selbst. Würden die Gegner dieses Geheimnis ahnen, sie würden selbst die Fahne des Lebens ergreifen.“

Als Beispiel seiner Darstellung gebe ich willkürlich aufgeschlagen einige Sätze wider.

„Die Volkswirtschaft besteht nicht aus den Beziehungen Einzelner, sondern ist ein Stufenbau von Gebilden, in dem die niederen von den höheren jeweils überhöht werden, d.h. in denen die niederen sich  als Unterganzes, die höheren sich als Überganzes darstellen, die ihre Unterganzen in sich befassen.“

 

„Ich bin“ – Erkennen und realisieren

Seine Wort- Begriffe wie Gefüge, Gebilde, Stufenbau, Ganzheit, Wurzelgebilde, Ganzheit, Teilganzes u.a.m. drängen den Geist in ungewohnte Bahnen und lassen hinter der Fassade der empirisch -  rationalistischen Wissenschaft eine andere Welt erahnen. Doch mit seiner Kritik am Liberalismus und Individualismus schüttet er das Kind mit  dem Bade aus; denn Individualität hat nichts mit Individualismus, Personalismus oder Atomismus zu tun -  es sei denn in ihrer degenerierten Form. Gerade der transzendentale Idealismus von Fichte und Schelling postuliert die idealistische Synthese des „Ich bin“ als das Höchste, Konkreteste, das zugleich das Allgemeinste, Durchdringende und  das Ganze ist. Das „Ich bin“  ist das lebendige, erfahrbare Ganze von der Spann als Ganzheit spricht, nicht das Kollektiv oder die „Vielen“, in einer Gemeinschaft agierenden Menschen. Auch wenn er das „Ganze“ völlig richtig als nicht als die Summe seiner Teile, sondern metaphysisch den Teilen als vorhergehend ansieht, so erkennt er vermutlich nicht, dass der Einzelne in seinem Inneren schon das Ganze ist. Und weil er das Ganze ist, kann er eine lebendige und sinnerfüllte Gemeinschaft aufbauen; aber er muß es erkennen und realisieren. Diese reine, subjektive Erkenntnis des Ich bin hängt nicht im luftleeren Raum, sondern wurzelt in der Tradition, der alten Ordnung und der  subjektiven Veranlagung.

Wie die Sodalen, Hetairen und Futuwwa der Orientalen und Levantiner alte initiatische  Lebensformen sind, so ist das Ambet,  das Genossenschafts- und Gefolgewesen oder das Ständisch - Korporative die ursprüngliche, unmittelbare  Organisations- und Lebensform der Europäer. Das bedeutet, dass die Universalität der „Ich bin“-Erfahrung mit der Unmittelbarkeit der jeweiligen Lebensform verwurzelt und geerdet ist, eine Weise, in die der Einzelne hineingeboren und von ihr bis zu einem bestimmten Maß beeinflusst wird.

Im „Ich bin“ transzendiert der Einzelne sich selbst, geht über seine materielle, soziale, psychische und mentale Beschränktheit hinaus und erfährt sich als Individuum, zugleich auch als das  Universelle und Ganze – eben als Synthese. Und doch ist Spanns Grundanliegen, die Gesellschaftswissenschaft oder alle Bereiche des Lebens idealistisch zu begründen richtig und ein Ausdruck des „deutschen Programms“, dem er sich verpflichtet fühlt. Dieses Programm, um es hier schon etwas deutlicher zu fassen, kann man mit den Worten des Philosophen Richard Kroner etwas genauer umreißen:

„Die Geschichte beweist, dass es innerhalb des europäischen Gesamtgeistes die besondere Mission des deutschen Volks gewesen ist, alle großen Bewegungen in das Innere der menschlichen Seele hineinzuziehen und in der Tiefe des menschlichen Gemüts ausschwingen zu lassen.“

Diesen Faden will ich an anderer Stelle wieder aufgreifen. Doch soviel sei bemerkt, dass Kroner zu Unrecht von einer vergangenen Mission und spricht. Sie besteht immer noch; denn sie ist einer der  Hauptgründe für unser wechselvolles Schicksal, weil es Kräfte und Mächte in und um uns herum gibt, die gerade diesen und zwar umfassenden Prozess der Verinnerlichung verhindern. Dieser Prozess hat zwei Seiten, die der Identitätsfindung und die daraus entspringende Erkenntnis unserer Aufgabe. Durch den Verinnerlichungsprozess, oder anders durch die „transzendentale Synthese“ erzeugen wir unsere Identität und zugleich auch  unsere Aufgabe, die wir  im Völkergeschehen haben.

Symbiontischer Wahn – Stockholm-Syndrom – Maschine – Computer

Die Maschine spielt also eine wichtige Rolle im Abbau und Überführung der „alten Ordnung“ und Aufbau oder Speisung der neuen, ich nenne sie symbiontische Ordnung, des Geldes, die man auch als symbiontischen Wahn oder eine Geisteskrankheit zu zweit bezeichnen kann. Diese seltene Art der Geisteskrankheit entsteht, wenn ein Gesunder die Wahnvorstellung eines anderen übernimmt aufgrund tiefer etablierter Bindung zu ihm. Diese aus der Psychologie entlehnte Beschreibung ist eine Realdiagnose unserer Lebenssituation seit mindestens 200 Jahren.

Stockholm-Syndrom.

Vom 23. bis 28. August 1973 gab es in einer Bank im Zentrum der schwedischen Hauptstadt Stockholm eine Geiselnahme. Nach Beendigung der Geiselnahme passierte seltsames:

Die Geiseln empfanden keinen Hass auf die Geiselnehmer. Sie waren ihnen im Gegenteil dankbar dafür, freigelassen worden zu sein. Zudem baten die Geiseln sogar um Gnade für ihre Kidnapper und besuchten sie im Gefängnis. Das „Stockholm-Syndrom“ wurde zu einem Synonym für Situationen, in der die Opfer Verständnis, manchmal sogar Sympathien für die Täter entwickeln, mit ihnen kooperieren und sich mit ihnen identifizieren.

Die Deutschen sind seit hundert Jahren Gefangene in einem Geiseldrama. Offensichtlich leiden sie an einer besonders schweren Form des Stockholm-Syndroms.

Symbiontischer Wahn und Stockholm-Syndrom – aus beiden müssen wir unbedingt aufwachen.

Maschine und Computer 

Die Maschine mit ihrer linearen Dynamik fungiert wie ein Differenzialgetriebe, das die periodischen, zyklisch-rhythmischen Prozesse mit der exponentiellen Dynamik des Geldes verbindet. Ohne diese vermittelnde Funktion der Maschine als eines Takt- und Hemmwerks konnte sich der moderne Kapitalismus nicht entwickelt. In neuester Zeit übernimmt der Computer den Part der Maschine als ein hochgezüchtetes, universelles Produkt, wo der Takt im Gigabereich den gesamten Lebensbereich des Menschen und der Erde durchdringt und den Abbau oder die Entropieproduktion in eine andere Dimension treibt.

Diese Form der kapitalen Entropieproduktion und Verwertung kann bestenfalls nur solange existieren bis sie  jedwede Ressource der Natur, des Menschen und der Gemeinschaft verbraucht worden ist, oder solange der Mensch sich nicht dagegen auflehnt

Deutschland und seine Ständisch-korporative [Markt]Wirtschaft

Aber was hat das mit Deutschland zu tun? Auch Deutschland hat den Weg der Industrialisierung eingeschlagen. Aber schon von Anfang an wurde dieser Prozess wesentlich milder gestaltet als z. B. in England. Warum? Das Bewusstsein der Alten Ordnung war bis Ende des 19. Jahrhunderts in den Köpfen und Herzen der Menschen präsent geblieben. Das war u.a. auch das Verdienst der romantischen Reaktion auf die Moderne. Die Romantik war  eine tragende Säule und zum Ende des 19. J.h. ein Ausläufer des  transzendentalen Idealismus. Sie entwickelte einen ausgeprägten Individualismus, der zugleich im Naturganzen, in eine wie auch immer wahrgenommene göttliche Ordnung eingebettet war, und sie transportierte den Korporationsgedanken in die moderne Zeit. Dieser scheint eine geeignete Vorstellung zu sein, wie der Einzelne mit dem Ganzen, mit der Gesellschaft oder dem Staat vermittelt werden könnte. Dieses ständische, korporative Erbe der alten Ordnung war und ist immer noch in Deutschland lebendig und dafür verantwortlich geblieben, dass die symbiontische Beziehung der modernen  Geld- und Kreditwirtschaftsform mit der alten Wirtschaftsform anders vonstatten ging und einen Kapitalismus eigener Prägung erzeugte – anders  als in den anderen Staaten. Naumann nannte diesen den „Kapitalismus zweiter Stufe“ gegenüber dem englischen Manchester Kapitalismus erster Stufe.

Diese ständisch-korporative Organisationsstruktur macht von vornherein das Besondere und Andersartige des mitteleuropäischen Kapitalismus aus, so dass selbst in neuester Zeit dieser als Vertreter einer „korporativen Marktwirtschaft“ verstanden wird im Gegensatz zum angelsächsischen System der„ liberalen Marktwirtschaft“. (siehe Werner Abelshauser, Kulturkampf). Abelshauser beschreibt die korporative Marktwirtschaft als 

„[...] weitgehend autonome, selbstverwaltete Organisation der wirtschaftlichen Akteure, die ihre Beziehungen in korporativem Geist gestalten und eine aktive Rolle des Staates, die freilich selten über produktive Ordnungspolitik hinausgeht. [...] Das zweite Modell – das der liberalen Marktwirtschaft – unterscheidet sich davon durch seine `unkoordinierte´, dem liberalen Prinzip  der vollständigen Konkurrenz verpflichteten Marktorientierung.“

Ausdruck waren lange Zeit die „Soziale Marktwirtschaft“ von Ludwig Erhard und ein starker Mittelstand. Beide wurden Opfer des obigen zweiten Modells. Der Mittelstand hat aber noch einige Kraft.

Dieses ständisch-korporative Element ist das Erbe der Alten, man könnte auch etwas  mystifizierend sagen der Adamitischen Wirtschaftsordnung im Gegensatz zur Kainitischen  Wirtschaftsordnung – (siehe Walter Heinrich) und es ist tief in unser individuelles und kulturelles Gedächtnis verankert; es ist ein Organisationsprinzip, das wir unwillkürlich immer wieder aufs Neue anwenden und reproduzieren, so als ob ein innewohnendes transzendentales Schema  uns dazu „antreibt“, unsere Lebenswelt auf besonderer Weise zu gestalten. Dieses gestalterische Prinzip unterscheidet sich wesentlich von den  Strukturprinzipien anderer Kulturkreise. Und wie die „Formprobleme der Gotik“ (Worringer) sozusagen eine Projektion der Tierflechtornamentik in die 3. Dimension der Architektur ist, so kann sie ebenso als innewohnendes, formendes Prinzip jeder Art von Gemeinschaft, die sich in unserer Mitte bildet,  angenommen werden.

Dieses ständisch-korporative Konzept ist  eine wichtige, kulturelle und produktive „Ressource“, die nicht vergeudet werden darf. Dieses Prinzip habe ich anderswo als Ambet (Amt, Dienst) bezeichnet als eine mehr  innere, geistige Veranlagung der alten Europäer. Dieser eigenartige, spezielle ornamentale Grundzug unseres Denkens, Fühlens und Handelns gilt es stärker herauszuarbeiten, um so mehr Aufschluss über unser eigenes Wesen zu bekommen.

 

Keltogermanische Ornamentik als Wegweiser

Ich werde den Begriff „Ornamental“ durchweg für die Tierflechtornamentik benutzten ,,da sie im Gegensatz zum antiken symmetrischen Ornament keine ausgeprägte abgeschlossene Gestalt darstellt; mehr Bewegung, Kraft und Erregung transportiert als Form, Gestalt, Symmetrie und Harmonie.“ Ich folge hier auch dem Kunsthistoriker Theodor Hetzer, der in seinem profunden Buch: „Das Ornamentale und die Gestalt“, das in wesentlichen Teilen schon 1929 erschienen ist,  diese Art der Unterscheidung schon getroffen hat. Im Vorwort zu diesem Buch schreibt G. Berthold zusammenfassend:

„All dieses aber findet sich  schon in dem von Hetzer so genannten ornamentalen Wesen der Kunst nördlich der Alpen, einer Kräfte veranschaulichenden, in Bewegung bleibenden abstrakten Form, die alles gegenständlich Getrennte zusammenbindet. Sie ist dort `Träger des Lebensgefühls´ bis sie im 16. Jahrhundert auch auf den Süden übergreift.“ 

Und auf dem Klappentext findet man folgende wichtige Zusammenfassung:

„Er (T. Hetzer) sieht im frühen 16. Jahrhundert  die ornamentale Bewegung, das hervorragende Element der deutschen Form, in die geschlossene Gestalt der italienischen Kunst einfließen, diese wandelnd und ihr damit eine neue Dimension der Darstellung eröffnend. Aus dieser Synthese geht die einheitliche Erscheinung der europäischen Kunst bis zur Französischen Revolution hervor.“

Das ist ein weiteres wichtiges Indiz für den von  Campbell oben beschriebene Vorgang der problematischen Vereinigung zweier unterschiedlicher Impulse, der Jäger- und bronzezeitlichen Pflanzerkultur, und nun zum wiederholten Male  im 16. Jahrhundert.

Daraus soll die einheitliche europäische Kunst bis zur Französischen Revolution entstanden sein. Aber war dieser Prozess so natürlich? Hätte er nicht auch anders verlaufen können bei einem gewissen Übergewicht des alten keltogermanischen Erbes? Denn dieser Prozess vollzog sich ja  nicht nur in den Künsten, sondern ebenso in der Wissenschaft, Philosophie, Wirtschaft und Lebensweise. Sie führte letztendlich zur Dominanz des Sinnesintellekt, der empirisch, rational- abstrakt-mathematischen Denk- und Wahrnehmungsweise, die dann auch Deutschland erfasste, aber kurz darauf zur transzendental-idealistischen romantischen Revolution führte. Welche Wissenschaft hätten wir heute, wenn der ornamentale Duktus dominant geblieben wäre? Zögernd formuliert Hetzer die Worte:

„Nur mit Vorsicht dürfen wir die deutsche Kunst an das ungegenständliche Wesen germanischer Ornamentik  anknüpfen; jene Ornamentik konnte nicht die Basis für die Kunst eines heranwachsenden Kulturvolkes werden und musste der entwickelten Welt antiker Tradition weichen. Das Grundgefühl aber, das darin zum Ausdruck gekommen war, ging nicht unter, es färbte die Rezeption der südlichen Gestalten. Dieser nicht nachahmende ornamentale Zug, in dem wir vorzüglich den Vermittler jenes unbestimmten Lebensgefühls zu erblicken haben und der mit den natürlichen Erscheinungsformen schaltet, sie steigert, verflüchtigt und zerbricht, dieser Zug bewirkt, dass das deutsche Kunstwerk […] der Natur nicht als Abbild gegenübersteht, sondern als ein Geschaffenes neu in die Welt eintritt.“

Der „ornamentale Zug“ musste der antiken Tradition weichen. Warum wird nicht näher ausgeführt. Außer der Vermutung, dass das Kulturvolk sie irgendwie brauchte. Hier wäre eine konterhistorische Betrachtung angebracht mit der Frage: Was wäre, wenn …? Und trotzdem färbte sie die antike Rezeption, steigert und verflüchtigt sie dergestalt, dass etwas Neues geschaffen wurde. Steigern, Verflüchtigen, Zerbrechen der antiken südländischen Formen – das sind Attribute und Prozesse die Th. Hetzer der nordischen Ästhetik zuschreibt und zu recht. Schon die keltogermanische Münzprägung der Spätantike zeigt über einen großen Zeitraum hinweg diesen Vorgang der Auflösung und Dynamisierung und Entbildlichung in so drastischer und einmaliger Weise, dass dieser ästhetische Impuls als ein immer wiederkehrender bis in die neueste  Zeit erkannt und verfolgt werden kann. In Gotik, Manierismus und Barock, Dichtung, Mystik, Philosophie; in der Alchemie, Spagyrik und Hermetik, in den religiösen und esoterischen Gruppierungen, in Lebens- und Werkgemeinschaften, in Ständen, Korporationen, Zünften, Bünden und Bündnissen – in allen lässt sich das „ornamentale Muster“ mit seiner speziellen Formeigenschaft und Dynamik nachweisen, und alle sind Vertreter, Verzweigungen, Fasern einer „alten Ordnung“, nicht nur alt im zeitlichen Sinn, sonder mehr noch im Sinne der Tiefe und Gründigkeit, in der sie wurzelt, aus der heraus sie lebt.

Diese alte Ordnung ist zusammengebrochen versichert uns Stewart Edward White, ein bekannter amerikanischer Schriftsteller des frühen 20. Jahrhunderts. In Europa war dieser Zusammenbruch sogar so vollständig, dass alles Alte zerstört und verloren scheint. Aber auch bei ihm in Amerika, wo noch teilweise die alte Ordnung intakt geblieben ist ( er schrieb sein Buch in den vierziger Jahren des 19. J.h., zu dem C.G. Jung das Vorwort verfasste), sind dieselben Element am Werk, die in der alten Welt die Katastrophe herbeiführten. Sie müssten also aufpassen und Vorkehrungen treffen, damit jene nicht zum selben Ziele führen. Der Grundcharakter dieser alte Ordnung, so behauptet er, ist Beständigkeit:

„Nur durch die Aufrichtung des alten Glaubens an die Kontinuität, den Wert, den Zweck und die Verantwortlichkeit des Lebens, dass Völker und Nationen wieder Beständigkeit gewinnen [...]. Beständigkeit ist es, was ihr verloren habt und nun wiederzugewinnen sucht. Nicht Sicherheit, Sicherheit bezieht sich aufs Materielle, Beständigkeit aufs Geistige, Beständigkeit ist die Seele, der Charakter des Menschen. Ist Beständigkeit gewonnen, so schafft sich der Menschen oder  Staat seine eigene Sicherheit. Aber Beständigkeit – wirklicher Grundstein, unerschütterliche Stabilität – kann niemand erlangen, ohne an die Unsterblichkeit  zu glauben.“  

Um dies zu erreichen, muss man nach innen gehen und nicht ins Schauen nach außen, sagt er an anderer Stelle. Und man muss die einzig wirkliche Tatsache anerkennen, den Grundpfeiler wie es White nennt:

„Bewusstsein ist die einzige und alleinige Realität“.

„Was also wissen sie mit Sicherheit?“, fragt der Autor, oder richtiger die spirituelle Person, die ihm diese Informationen überliefert.

„Sie wissen, dass sie sind. Dies ist ihre Wirklichkeit – Bewusstsein, Bewusstsein ist die einzige und alleinige Realität.“

Das ist der Standpunkt des transzendentalen Idealismus, der besonders durch die Schellingsche Philosophie tiefsinnig ausgelotet und dargestellt worden ist, und die Romantiker, die Protagonisten jener mysteriösen Strömung der Dichter, Denker, Naturwissenschaftler und Politiker, haben diese Erkenntnis aufgegriffen und sie tief in den Emotionalkörper, in das Lebensgefühl der Deutschen eingesenkt. Das war ein Vorgang, der bis heute noch nicht so richtig erkannt und dargestellt worden ist; ein Vorgang der gemeinschaftlichen Verinnerlichung und Anwendung dieses geistigen Prinzips,  der meines Erachtens nur von wenigen Personen gewürdigt wurde, u. a. von Rudolf Steiner und dem indischen Weisen Aurobindo.

Das Erkennen des ornamentalen Grundzuges unseres Wesens könnte uns helfen, unsere eigene kulturelle Identität  besser zu erschließen und möglicherweise einen Zugang zu einer längst vergessenen und verdrängten Vergangenheit finden. Das erreicht man nicht nur durch das geschriebene Wort allein, sondern mehr noch durch Betrachtung des Bildes, der Architektur und Plastik, durch die Kunstproduktion schlechthin und deren Analyse durch den Kunsthistoriker – letztendlich aber  durch unsere natürlichen Fähigkeiten der Intuition, Kontemplation und durch Träume.

Die Autoren Worringer, Hetzer, Wölfflin geben die Linie vor,  wie man sich von der „ornamentalen These“ überzeugen oder von ihr einnehmen lassen kann.

Der ornamentale Grundzug unseres Wesens ist das Schema, wonach wir unsere Erfahrungen einordnen und gestalten.

Das bedeutet nicht, dass wir daran gebunden sind oder durch es limitiert werden, aber sie färbt unsere Wahrnehmung auf eine  bestimmte und einzigartige Weise.

 

Zusammenfassend kann man vorab sagen:

* Die Antwort auf die deutsche Frage ist die Wahrnehmung  des „deutschen Programms“.

* Das deutsche Programm ergibt sich aus unserer kulturellen Identität. Identität ist Selbstfindung, und Selbstfindung ist Auftrag oder Programm. Zusammen ergeben sie das, was man Bestimmung nennt.

* Jedes Volk besitzt seine eigene Bestimmung.

* Die Erkenntnis der Identität ist zugleich das Identifizieren unseres wahrnehmenden oder lebendigen Erkennens in seiner Besonderheit und Spezifizität.

* Der Transzendentale Idealismus plus Romantik bilden einen Höhepunkt und das Zentrum unserer mitteleuropäischen Kultur. Hier hat sich das Selbstverständnis des deutschen Volks zum ersten mal Ausdruck verliehen.

* Das transzendentale Schema ist in den Philosophien von Kant bis Hegel und darüber hinaus bis Heidegger sichtbar gemacht worden. Die drei wesentlichen Kategorien sind: Ich, Wissen, Sein.

* Das Tierflechtornament – TFO – ist ein ästhetisches (agr. aisthesis, Wahrnehmung, Empfindung, Sinn, Erkenntnis) Produkt und Projektion unserer geistig-psychischen Veranlagung in Raum und Zeit.

* Es ist ein transzendentes Schema, eine spezifische Färbung unseres kulturellen Bewusstseins, das die Art und Weise bestimmt, wie wir Erfahrungen machen, einordnen und gestalten.

* Das TFO ist ein sichtbares Produkt dieses Schemas, aber nicht das Schema selbst.

* Das Tieflechtornament ist ein „schamanistisches“ Erzeugnis im Unterschied zum antiken Ornament, das „religiöse“ Ursprünge hat. Schamanismus und Religion werden hier anders definiert. Schamanismus ist die uralte spirituelle Praxis der Jägerkultur. Religion ist die spirituelle Praxis der Pflanzerkultur.

* Die „Religion“ arbeitet nach einem einzigen höchsten Prinzip und ordnet ihm alles andere unter. Ihre spirituelle Praxis ist die Meditation (oder Entheose), die Sedierung des Einzelnen oder der Gruppe, um die Weihe des Höchsten im Körper zu erlangen.

*Der „Schamanismus“ geht vom Einzelnen,vom  Individuum aus, das in der Lage ist, sich durch Entfaltung, Krise, Erfahrung und Übung vom Körper zu lösen, durch die inneren Ebenen zum Kern allen Seins zu reisen. Seine spirituelle Vorgehensweise ist die Ekstase.

* Man könnte meinen, daß die Einheit von Ekstase und Meditation die ganze Wahrheit bedeutet.

* Ansätze zu ihrer Vereinigung finden wir in der Naturphilosophie und dem Transzendentalen Idealismus Schellings. Das Zusammenführen des aufsteigenden und des herabsteigenden Prinzips, von Prometheus und der „herabsteigende Erzengel Michael“ ist Teil des deutsche Programms.

* Tierflechtornament (TFO) und antikes Ornament (ATO – antikes Ornament – steht synonym für das symmetrische, am weitesten verbreitete Ornament) verhalten sich wie Yantra und Mandala. Jenes ist aktiv, induziert im Betrachter Spannung, Erregung, Ekstase. Dieses ist passiv, beruhigt, sediert, schafft eine Öffnung für die göttliche Kraft und integriert den einzelnen in das kosmische Ganze.

* Damit werden beide Ornamenttypen auf eine spirituelle Funktion zurückgeführt. Das Yantra des TFO ist erregend, baut Spannung auf, ist asymmetrisch, verschiebt seinen Mittelpunkt, hat Multiplikationscharakter: „eine ständig steigende Bewegtheit […] entsteht und die Wiederholung hat nur den einen Sinn, dem einzelnen Motiv die Unendlichkeitspotenz zu geben. Die unendliche Melodie der Linie schwebt  dem nordischen Mensch in seiner Ornamentik vor.“ (Worringer)

* Die Kunstproduktion zumindest weite Teile des Mitteleuropäers beruht auf dem „ornamentalen Prinzip“. Und das soll Gegenstand der nächsten Blätter sein.

 

„Der apriorische Formwille einer Menschheitsperiode ist immer der adäquate Ausdruck ihres Verhältnisses zur Umwelt. Daher ist es wichtig, diesen Formwillen in all seiner  Gestalt kennenzulernen.“, schreibt Worringer zurecht.